Post-Finasterid-Syndrom (PFS)

  • Eine Multisystemerkrankung, verursacht durch Finasterid und verwandte Wirkstoffe. Sie kann die sexuelle Funktion, die psychische Gesundheit und die Kognition beeinträchtigen und den männlichen Körper angreifen.
  • Nicht nur anhaltende Nebenwirkungen. PFS kann auch erst nach dem Absetzen beginnen und dauerhaft sein.
  • Von den Arzneimittelbehörden nicht als Erkrankung anerkannt. Kein eigener ICD-Code, kein Test, keine zugelassene Behandlung.
In den Medien

Das Post-Finasterid-Syndrom bei CBC News

Eine Recherche von Radio-Canada, im März 2025 in der CBC-Sendung The National ausgestrahlt (5 Minuten, auf Englisch).

  • Millionen Männer haben Finasterid (Propecia) genommen, um Haarausfall zu bremsen.
  • Fachleute warnen vor seltenen, aber lebensverändernden Nebenwirkungen, die nach dem Absetzen anhalten.
  • Der Bericht geht Vorwürfen nach, der Entwickler des Mittels, Merck & Co. (in Deutschland MSD), habe die Risiken heruntergespielt.
  • Es geht auch um Suizid. Hilfe bietet die TelefonSeelsorge, rund um die Uhr und kostenfrei: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Symptome des Post-Finasterid-Syndroms

PFS kann die sexuelle Funktion, die psychische Gesundheit, die Kognition und den männlichen Körper beeinträchtigen. Wenn Sie Suizidgedanken haben: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Sexualität

5
  • Verlust des sexuellen Verlangens (Libido)
  • Erektionsstörungen (Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen oder zu halten)
  • Weniger Empfinden im Genitalbereich
  • Schwächere oder weniger lustvolle Orgasmen
  • Ejakulationsstörungen, auch weniger Ejakulat

Psyche und Stimmung

5
  • Depression (gedrückte Stimmung, die nicht vergeht)
  • Angstzustände
  • Konzentrationsstörungen und kognitive Beschwerden („Brain Fog“)
  • Schlafstörungen (Schlaflosigkeit)
  • Suizidgedanken

Körper

5
  • Schwellung oder Druckempfindlichkeit der Brust (Gynäkomastie)
  • Muskelkrämpfe, Muskelzucken oder Muskelschwäche
  • Müdigkeit, die nicht vergeht (chronische Erschöpfung)
  • Trockene oder dünnere Haut
  • Gelenkschmerzen

Erfahrungsberichte

Drei Männer erzählen in Interviews mit dem YouTube-Kanal von Moral Medicine, was ihnen passiert ist. Jedes Interview zeigt die Erfahrung eines Menschen, nicht, wie oft PFS vorkommt.

Zwei Jahre danach, in seinen eigenen Worten

Er setzte Finasterid ab und hoffte, seine neurologischen Symptome würden abklingen. Mehr als zwei Jahre danach beschreibt er stattdessen einen „Crash“, eine plötzliche, deutliche Verschlechterung, und neue Symptome.

Sam

Sam beschreibt die Nebenwirkungen, die er hatte, während er Finasterid gegen Haarausfall nahm, und die, die nach dem Absetzen blieben.

Ryan

Ryan erzählt, wie er Finasterid gegen Haarausfall nahm, und von den Nebenwirkungen, die ihm nach dem Absetzen geblieben sind.

Kurz gesagt

Das Wichtigste zu PFS

  1. 1

    Diagnosekriterien wurden 2022 veröffentlicht (auf Englisch). Im Mittelpunkt stehen sexuelle Symptome. Viele Betroffene berichten zudem von Veränderungen der Stimmung, der Kognition und des Körpers.

  2. 2

    Finasterid hemmt die 5-Alpha-Reduktase im ganzen Körper, auch im Gehirn. Das Enzym bildet DHT und außerdem Neurosteroide, die auf Stimmung und Nerven wirken.

  3. 3

    Die Fachinformationen aus dem Vereinigten Königreich und den USA (beide auf Englisch) nennen sexuelle Probleme, die nach dem Absetzen anhielten. 2024 stellte die britische Arzneimittelbehörde MHRA fest, die Risiken seien „bei verschreibenden Ärzten und bei Patienten nicht gut bekannt“ (auf Englisch).

  4. 4

    Einen Test gibt es nicht, und wie oft PFS vorkommt, ist unbekannt. Laut britischer Fachinformation kann die Häufigkeit „nicht bestimmt werden“ (auf Englisch).

  5. 5

    Eine zugelassene Behandlung gibt es nicht, und die Genesung wurde nie richtig untersucht. PFS „kann über Monate, Jahre oder auf unbestimmte Zeit bestehen bleiben“ (auf Englisch).

Wenn Sie PFS bei sich vermuten

Setzen Sie kein Medikament ab und ändern Sie nichts an der Einnahme, nur weil es auf dieser Seite steht. Die britische Arzneimittelbehörde MHRA nennt eine Ausnahme: Wenn Sie Finasterid 1 mg nehmen und eine Depression oder Suizidgedanken entwickeln, sollen Sie es absetzen (auf Englisch) und sich so bald wie möglich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt wenden.

1

Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt

Auch wenn Sie Finasterid vor Jahren abgesetzt haben. Lesen Sie dazu Ich glaube, ich habe PFS - was jetzt?

2

Melden Sie es

In Deutschland melden Sie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Im Vereinigten Königreich melden Sie über das Yellow-Card-System (auf Englisch), in den USA über MedWatch (auf Englisch). Nennen Sie dabei den MedDRA-Begriff „Syndrom nach 5-Alpha-Reductase-Inhibitor-Behandlung“, auf Englisch „Post 5-alpha-reductase inhibitor syndrome“, Code 10082430. Einen Beweis brauchen Sie nicht. Für andere Länder: unsere Anleitung zum Melden.

3

Tragen Sie sich ins Register ein

Der Eintrag ins Patientenregister von SIDEfxHUB dauert etwa drei Minuten und setzt keine Diagnose voraus.

4

Finden Sie Anschluss

Treten Sie einer unserer geschlossenen WhatsApp-Gruppen für Betroffene bei.

Wenn es Ihnen psychisch schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Im Notfall rufen Sie den Notruf 112 an.

Der ausführliche Ratgeber zu PFS

Was PFS ist, wer betroffen ist, was die Arzneimittelbehörden getan haben, dazu Forschung, Diagnose, Behandlung und Genesung, jeweils mit Quellen.

Was ist das Post-Finasterid-Syndrom?

Das Post-Finasterid-Syndrom (PFS) ist eine Multisystemerkrankung, verursacht durch Finasterid und verwandte Wirkstoffe. Die Symptome können während der Einnahme oder erst nach dem Absetzen beginnen und auch dann anhalten, wenn das Medikament den Körper verlassen hat.

Die Hälfte einer Dosis ist nach 5 bis 6 Stunden (auf Englisch) aus dem Blut verschwunden, doch PFS kann jahrelang anhalten. Warum, weiß bisher niemand.

PFS ist eine von drei verwandten Erkrankungen, neben PSSD (nach SSRI- und SNRI-Antidepressiva) und PAS (nach Isotretinoin). Die Kriterien von 2022 gelten für alle drei.

Die Diagnosekriterien von 2022

Für PFS gibt es keinen Bluttest und kein bildgebendes Verfahren. 2022 einigten sich 37 Ärztinnen, Ärzte und Forschende aus zehn Ländern (auf Englisch) auf Diagnosekriterien dafür.

  • Notwendig: Sie haben Finasterid oder einen verwandten Wirkstoff wie Dutasterid genommen.
  • Notwendig: Sexuelle Probleme hielten nach dem Absetzen an.
  • Unterstützend: verminderte Libido, Erektionsstörungen oder weniger Empfinden im Genitalbereich und beim Orgasmus, die 3 Monate oder länger anhalten.
  • Auszuschließen: dieselben Probleme schon vor der Einnahme oder eine andere Erkrankung, ein anderes Medikament oder Drogenkonsum, die sie erklären. Die Kriterien verlangen außerdem, dass zuvor weder Isotretinoin noch ein Antidepressivum vom SSRI-Typ genommen wurde.

Probleme, die nach dem Absetzen verschwinden, sind kein PFS. Eine psychiatrische Diagnose schließt PFS nicht aus. Die Kriterien sind ein Konsens von Fachleuten, keine offizielle Leitlinie. Sie beruhen auf Fällen, die der Website RxISK.org gemeldet wurden. Drei Mitglieder des Autorenteams sind mit dieser Website zur Arzneimittelsicherheit verbunden.

Namen, Codes und Wirkstoffe

Name unter Betroffenen
Post-Finasterid-Syndrom (PFS)
MedDRA-Begriff
Syndrom nach 5-Alpha-Reductase-Inhibitor-Behandlung (deutsche Fassung, genau so geschrieben). Englischer Fachbegriff: „Post 5-alpha-reductase inhibitor syndrome“, Code 10082430. MedDRA ist das Wörterbuch, mit dem Arzneimittelbehörden Nebenwirkungsmeldungen erfassen.
Orphanet (Datenbank für seltene Erkrankungen)
Post 5-alpha-reductase inhibitors treatment syndrome (ORPHA:686468, auf Englisch)
ICD-Code
Kein eigener (mit ICD-Codes verschlüsseln Ärztinnen und Ärzte Diagnosen in der Krankenakte). Orphanet ordnet PFS vorläufig F52.8 zu, einem weit gefassten Code für sexuelle Funktionsstörungen, „nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit“.
Medikamente
Finasterid 1 mg (Propecia und Generika) und Finasterid-Sprays gegen Haarausfall. Finasterid 5 mg (Proscar) und Dutasterid (Avodart) gegen eine gutartige Prostatavergrößerung.
Wirkweise
Sie hemmen das Enzym 5-Alpha-Reduktase, das im ganzen Körper vorkommt, auch im Gehirn. Es wandelt Testosteron in DHT um, bildet aber auch Neurosteroide wie Allopregnanolon, die auf Gehirn, Nerven und Stimmung wirken. Seine Hemmung bewirkt weit mehr, als den Haarausfall zu bremsen und die Prostata zu verkleinern.

Mehr zu den Symptomen

Für die Diagnose verlangen die Kriterien sexuelle Symptome. Depression, kognitive Beschwerden und Suizidgedanken können hinzukommen oder allein auftreten (auf Englisch), heißt es dort.

Die sexuellen Symptome stammen aus den Kriterien von 2022, und die britische Fachinformation (auf Englisch) nennt Depression, Angst und Suizidgedanken. Die übrigen beruhen vor allem auf Berichten von Betroffenen, gesammelt im Eintrag bei Orphanet (auf Englisch) und in einer Befragung von 131 Männern (auf Englisch) mit Symptomen.

Die Symptome können schon während der Einnahme beginnen. Bei manchen treten sie erst nach dem Absetzen auf oder verschlimmern sich dann (auf Englisch). Mehr dazu in Finasterid absetzen: Haare und Nebenwirkungen.

Wer PFS bekommt

Die meisten veröffentlichten Fälle betreffen junge Männer, die Finasterid 1 mg gegen Haarausfall genommen haben. Darüber hinaus ist wenig bekannt, wer gefährdet ist.

  • Alter. Die 1-mg-Dosis ist für Männer von 18 bis 41 Jahren zugelassen. In Meldungen an die US-Arzneimittelbehörde FDA (auf Englisch) waren Männer mit anhaltenden Problemen nach Propecia jünger als Männer nach Proscar, der Dosis für die Prostata.
  • Dosis. Anhaltende Probleme wurden nach 1 mg und nach 5 mg gemeldet. Im Vereinigten Königreich beziehen sich Meldungen häufiger auf 1 mg, obwohl 5 mg öfter verschrieben wird. Die britische Arzneimittelbehörde MHRA sagt, das „bedeutet nicht zwangsläufig ein anderes Risiko“ (auf Englisch).
  • Dauer. In einer Befragung des PFS Network unter seinen eigenen Mitgliedern hatte etwas mehr als die Hälfte der 427 Befragten (auf Englisch) Finasterid höchstens 200 Tage lang genommen. Doch in einer US-Studie auf Basis von Krankenakten (auf Englisch) hatten junge Männer, die es länger als 205 Tage nahmen, häufiger anhaltende Erektionsstörungen als Männer mit kürzerer Einnahme.
  • Geschlecht. Für Frauen ist Finasterid im Vereinigten Königreich nicht zugelassen. In der Datenbankabfrage der MHRA von 2023 (auf Englisch) stammten alle britischen Meldungen sexueller Nebenwirkungen, die ein Geschlecht angaben, von Männern. Eine Studie zu anhaltenden Nebenwirkungen bei Frauen haben wir nicht gefunden.
  • Psychische Vorgeschichte. Einigen Studien (auf Englisch) zufolge traten Nebenwirkungen häufiger auf, wenn es in der eigenen Vorgeschichte oder in der Familie psychische Erkrankungen gab. Die MHRA merkt aber an, dass viele davon klein waren und sich auf die Erinnerung der Teilnehmenden stützten.

Warum manche Menschen betroffen sind und andere nicht, weiß niemand, und kein Test kann vorhersagen, wen es trifft.

Wie häufig ist PFS?

Niemand weiß, wie häufig PFS ist. Den Arzneimittelbehörden liegen Hunderte Meldungen vor, aber eine Häufigkeit hat niemand gemessen.

Für die Zeit der Einnahme stuft die britische Fachinformation verminderte Libido und Depression als „gelegentlich“ (auf Englisch) ein, also bei 1 von 1.000 bis 1 von 100 Behandelten. Für Probleme nach dem Absetzen nennt sie keine Zahl.

Was gemeldet wird

Bis April 2024 lagen der MHRA über das britische Meldesystem Yellow Card 426 Meldungen (auf Englisch) zu sexuellen Problemen unter Finasterid vor. In fast der Hälfte der Fälle war der Ausgang als „nicht genesen“ oder „nicht abgeklungen“ erfasst.

Warum es keine Häufigkeit gibt

Für eine Häufigkeit braucht man zwei Zahlen: wie viele Menschen PFS haben und wie viele Finasterid genommen haben. Beide sind unbekannt. Die MHRA spricht von einem „fehlenden Nenner“ (auf Englisch). Im NHS, dem staatlichen britischen Gesundheitsdienst, wird Finasterid 1 mg nicht verschrieben. Deshalb „sind genaue Verordnungszahlen nicht verfügbar“ (auf Englisch).

Klinische Studien sehen „in der Regel keine Nachbeobachtung“ (auf Englisch) vor, die prüft, ob sexuelle Nebenwirkungen abklingen, schreiben die Autorinnen und Autoren der Kriterien. 2012 kannte die FDA keine kontrollierte Studie, „um ihre Ursache oder Dauer zu bestimmen“ (auf Englisch).

Studien zur Häufigkeit

  • Die Zulassungsstudien. Während der Behandlung berichteten 3,8 % der Männer unter Finasterid (auf Englisch) von einer sexuellen Nebenwirkung, gegenüber 2,1 % unter Placebo (einem Scheinmedikament). Auf Grundlage dieser Studien sagt die FDA, dass „nur ein kleiner Prozentsatz der Männer“ betroffen ist.
  • Krankenakten. Eine US-Studie von 2017 (auf Englisch) wertete die Akten von 11.909 Männern aus, die Finasterid oder Dutasterid erhalten hatten. Davon hatten 167 (1,4 %) Erektionsstörungen, die mindestens 90 Tage nach dem Absetzen anhielten. Unter 4.284 Männern von 16 bis 42 Jahren mit der Dosis gegen Haarausfall waren es 34 (0,8 %). Ein einziges Gesundheitssystem, nur Erektionsstörungen, kein Nachweis der Ursache: Eine Häufigkeit für PFS ist das nicht.

Die MHRA ergänzt, dass Medienaufmerksamkeit und der „Nocebo“-Effekt (auf Englisch) die Zahl der Meldungen erhöhen könnten. Beim Nocebo-Effekt entstehen Beschwerden, weil man einen Schaden erwartet. Eine Studie mit Vergleichsgruppe, die Menschen nach dem Absetzen begleitet, würde die Frage beantworten.

Was die Arzneimittelbehörden getan haben

Die Arzneimittelbehörden im Vereinigten Königreich und in den USA warnen, dass die sexuellen Nebenwirkungen von Finasterid nach dem Absetzen anhalten können. Keine hat PFS als Erkrankung anerkannt. Als Betroffene darum baten, antwortete die MHRA: Das „fällt nicht in die Zuständigkeit der MHRA“ (auf Englisch).

1992-1999

Zugelassen, mit sexuellen Nebenwirkungen in der Fachinformation

Die USA lassen 5 mg 1992 und 1 mg 1997 zu, das Vereinigte Königreich 1 mg im Jahr 1999. In den Studien klangen die sexuellen Nebenwirkungen, die in den Fachinformationen stehen, „bei Patienten, die die Behandlung beendeten, wieder ab“.

2010-2013

Vereinigtes Königreich: Probleme, die nach dem Absetzen anhielten

Die britische Fachinformation nimmt Meldungen über Erektionsstörungen auf, die nach dem Absetzen anhielten (2010), später auch über verminderte Libido und Ejakulationsstörungen (2013).

2011-2012

USA: Probleme, die nach dem Absetzen fortbestanden

Die US-Fachinformationen nehmen Erektionsstörungen auf, die „nach dem Absetzen des Medikaments fortbestanden“ (2011), dann Libido-, Ejakulations- und Orgasmusstörungen (April 2012). Von 421 Meldungen, die die FDA prüfte, beschrieben 59 Beschwerden, die 3 Monate oder länger anhielten. Klare ursächliche Zusammenhänge seien „NICHT nachgewiesen“, so die FDA.

Mai 2017

Vereinigtes Königreich: Depression und Suizidgedanken

Die MHRA weist auf Depression und „in seltenen Fällen Suizidgedanken“ hin. Ärztinnen und Ärzte sollen raten, die 1-mg-Dosis „sofort“ abzusetzen, wenn sich eine Depression entwickelt.

2022

USA: Depression und Suizidgedanken in der Fachinformation

Nach einer Anordnung der FDA vom Mai 2022 nennt die Fachinformation zu Propecia „Depression, Suizidgedanken und suizidales Verhalten“ unter den Nebenwirkungen, die nach der Zulassung gemeldet wurden.

April 2024

Vereinigtes Königreich: eine Patientenkarte in Packungen mit 1 mg

Die Überprüfung der MHRA stellt fest: Die Nebenwirkungen stehen in der Fachinformation, sind aber „bei verschreibenden Ärzten und bei Patienten nicht gut bekannt“. Eine Karte in jeder Packung mit 1 mg weist nun darauf hin, dass sie nach dem Absetzen anhalten können.

2024-2025

EU: Suizidgedanken bestätigt

Eine EU-Überprüfung auf Antrag Frankreichs bestätigt Suizidgedanken als Nebenwirkung von Finasterid-Tabletten. Ihre Häufigkeit ist „nicht bekannt“. Packungen mit 1 mg erhalten eine Patientenkarte.

April 2025

USA: eine Warnung vor in Apotheken hergestellten Sprays

Die FDA nennt 32 Fälle aus den Jahren 2019 bis 2024 mit in Apotheken hergestellten Finasterid-Sprays. Die meisten gaben an, die Probleme hätten „nach dem Absetzen des Produkts weiter angehalten“.

Mai 2026

Vereinigtes Königreich: strengere Warnhinweise

Finasterid „wird mit Depression, Suizidgedanken und sexuellen Funktionsstörungen in Verbindung gebracht, die nach dem Ende der Behandlung anhalten können“, schreibt die MHRA. Die britische Fachinformation zu 1 mg warnt jetzt, dass sexuelle Probleme zu gedrückter Stimmung beitragen können.

Wie Finasterid 1 mg im Vereinigten Königreich abgegeben wird

Im Vereinigten Königreich wird Finasterid 1 mg nicht über den NHS verschrieben. Man bekommt es über Privatkliniken oder, „häufiger“ (auf Englisch), über Online-Apotheken. Die Aufsicht über Apotheken „fällt nicht in die Zuständigkeit der MHRA“. Ihre Standards setzt der General Pharmaceutical Council, die britische Apothekenaufsicht.

Manche Online-Apotheken prüfen und überwachen Patientinnen und Patienten gründlich, stellte die MHRA fest, „andere nicht“.

Ist Finasterid sicher? Das Fazit der Behörden

2025 kam die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) zu dem Schluss, dass der Nutzen von Finasterid und Dutasterid „ihre Risiken für alle zugelassenen Anwendungsgebiete weiterhin überwiegt“ (auf Englisch). Wie oft der anhaltende Schaden auftritt, kann bisher keine Behörde sagen.

Bis zum 31. Mai 2025 hatte die MHRA 170 Meldungen zu Suizidgedanken (auf Englisch) und verwandten Begriffen unter Finasterid erhalten, dazu 19 Meldungen über Todesfälle durch Suizid. Das sind Meldungen, keine Häufigkeit. Die MHRA fügt hinzu, eine Meldung „bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Medikament die Reaktion verursacht hat“.

Wenn Sie das persönlich betrifft: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Forschung zu PFS

Die Forschung zu PFS ist überschaubar und stammt überwiegend von wenigen Forschungsgruppen. Bei Männern mit PFS zeigten sich Unterschiede, aber es ist „unklar, ob diese bereits vor der Behandlung bestanden“ (auf Englisch).

Die erste Fallserie (2011)

Ärztinnen und Ärzte der George Washington University befragten 71 Männer, deren sexuelle Nebenwirkungen nach dem Absetzen mindestens 3 Monate angehalten hatten. Davon hatten 94 % eine verminderte Libido und 92 % Erektionsstörungen, im Durchschnitt seit 40 Monaten.

Ausgewählt wurden Männer mit anhaltenden Symptomen, ohne Vergleichsgruppe. Das Autorenteam nennt selbst eine Selektionsverzerrung (wer teilnahm) und eine Erinnerungsverzerrung (die Angaben beruhen auf dem Gedächtnis).

Depression nach Finasterid (2012)

Von 61 Männern, die früher Finasterid genommen hatten und unter anhaltenden sexuellen Nebenwirkungen litten, zeigten 46 (75 %) Symptome einer Depression. Unter 29 Männern mit Haarausfall, die nie Finasterid genommen hatten, waren es 3 (10 %).

Klein, und die Männer, die Finasterid genommen hatten, wurden wegen anhaltender Symptome ausgewählt. Depression wurde per Fragebogen gemessen. Ein Muster, keine Häufigkeit.

Kein Hormonmangel gefunden (2016)

Ein Team aus Harvard verglich 25 Männer mit anhaltenden Symptomen, 13 Männer, die Finasterid ohne Symptome genommen hatten, und 18, die es nie genommen hatten. Testosteron und DHT unterschieden sich nicht. Männer mit Symptomen berichteten häufiger von Depression und kognitiven Beschwerden, schnitten in kognitiven Tests aber normal ab.

Klein und nur einmal gemessen, daher kann die Studie keine Ursache zeigen. Teilweise finanziert von der Post-Finasteride Syndrome Foundation, einer gemeinnützigen Organisation, die Forschung unterstützt.

Hormone im Gehirn und ein Gen (2017, 2019)

Ein Team in Mailand untersuchte das Nervenwasser (Liquor) von 16 Männern mit PFS. Hormone, die im Gehirn wirken (neuroaktive Steroide), waren verändert. Das Gen für das Enzym, das Finasterid hemmt, trug häufiger eine chemische Markierung, die es stilllegen kann. Das war bei 9 von 16 Männern so, gegenüber 1 von 13 gesunden Männern.

Kleine Pilotstudien. Das Autorenteam „kann nicht schlussfolgern“, ob das Genmuster schon vor Finasterid bestand.

Genaktivität in der Haut des Penis (2021)

Ein US-Team verglich Penishaut von 26 Männern mit PFS-Symptomen und von 26 Männern, die beschnitten wurden. Bei den Männern mit PFS waren 3.764 Gene stärker oder schwächer aktiv, darunter das Gen für den Androgenrezeptor (der auf Testosteron reagiert).

Nur ein Gewebe, keine Proben aus der Zeit vor der Einnahme, und die Männer sind womöglich nicht typisch. Das Autorenteam sagt, die Studie könne keine Ursache zeigen.

Studien an Ratten (2025 und 2026)

Ratten, die 20 Tage lang Finasterid erhielten, veränderten sich während der Gabe kaum. Nach dem Absetzen entwickelten sie aber Entzündungen in Darm und Gehirn und ängstliches Verhalten. In der Studie von 2025 verringerte Allopregnanolon, ein körpereigenes Hormon, mehrere der entzündlichen Veränderungen.

Ratten, keine Menschen, nach kurzer Gabe. Es sind die ersten beiden Studien des Milano Project, für das SIDEfxHUB Spenden sammelt.

Die meisten dieser Studien haben kleine Gruppen von Männern mit PFS ein einziges Mal untersucht, nach der Einnahme. Studien, die Menschen schon vor Beginn der Einnahme begleiten, würden zeigen, welche Veränderungen zuerst da waren.

Wie PFS diagnostiziert wird

Einen Test für PFS gibt es nicht. Ärztinnen und Ärzte stellen die Diagnose anhand Ihrer Vorgeschichte und der Kriterien von 2022: was Sie genommen haben, wann und was sich verändert hat.

Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt ist PFS womöglich noch nie begegnet. Diese Erkrankungen seien „bei Fachleuten im Gesundheitswesen wenig bekannt und schlecht verstanden“ (auf Englisch), schreiben die Autorinnen und Autoren der Kriterien.

Was Sie in die Praxis mitnehmen sollten

  • Die Patientenkarte aus der Packung, falls Sie eine haben: Darauf steht, dass diese Nebenwirkungen anhalten können.
  • Einen Ausdruck der Kriterien von 2022 (auf Englisch), die frei zugänglich sind.
  • Ihre Dosis und ungefähr, wann Sie mit der Einnahme begonnen und wann Sie sie beendet haben.
  • Was sich verändert hat und wann. Sagen Sie, ob es nach dem Absetzen begann oder anhielt.
  • Jede Veränderung der Stimmung, auch wenn sie scheinbar nichts damit zu tun hat.
  • Andere Medikamente, frühere und aktuelle, vor allem Antidepressiva oder Isotretinoin.

Andere Ursachen ausschließen

Die Kriterien verlangen, dass keine andere Erkrankung, kein anderes Medikament und kein Drogenkonsum Ihre Symptome erklärt. Deshalb werden womöglich zuerst andere Ursachen geprüft. Das gehört zu einer sorgfältigen Diagnose und ist kein Zeichen, dass man Ihnen nicht glaubt.

Unauffällige Blutwerte beweisen weder das eine noch das andere. Grenzwertige Hormonwerte „könnten eher eine Folge der Erkrankungen als ihre Ursache sein“ (auf Englisch), schreiben die Autorinnen und Autoren der Kriterien.

PFS: Behandlung und Genesung

Für PFS gibt es keine zugelassene Behandlung. Im September 2026 fanden wir auf ClinicalTrials.gov (auf Englisch) keine registrierte Behandlungsstudie dazu.

Was derzeit erforscht wird

Das Milano Project an der Universität Mailand arbeitet auf eine mögliche Behandlung hin. Geleitet wird es von Professor Roberto Melcangi, und SIDEfxHUB sammelt Spenden dafür. Bei Ratten verringerte Allopregnanolon mehrere Veränderungen (auf Englisch), die nach dem Absetzen von Finasterid auftraten. Beim Menschen wurde es noch nicht getestet.

Ist PFS dauerhaft?

Es kann dauerhaft sein. PFS „kann über Monate, Jahre oder auf unbestimmte Zeit bestehen bleiben“ (auf Englisch), nachdem das Medikament abgesetzt wurde, schreiben die Autorinnen und Autoren der Kriterien. Wie viele Betroffene vollständig genesen, „wurde nie richtig untersucht“.

Eine Nachbeobachtung von 2012 (auf Englisch) untersuchte 54 Männer 9 bis 16 Monate später erneut, und 96 % hatten weiterhin Symptome. Sie waren aber ausgewählt worden, weil ihre Symptome bereits angehalten hatten. Über Ihre eigenen Aussichten sagt das deshalb nichts.

Ob Ihr eigenes PFS wieder vergeht, kann Ihnen also niemand sagen. Mehr dazu in PFS: Ist eine vollständige Genesung möglich?

Wie Sie ein Behandlungsangebot einschätzen

Vielleicht stoßen Sie auf Behandlungen, die online oder in Privatkliniken angeboten werden. Wir empfehlen keine davon. Diese Fragen helfen Ihnen und Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, ein Angebot abzuwägen:

  • Wurde es bei Menschen mit PFS mit einer Vergleichsgruppe getestet? Oder nur in Fallberichten, Erfahrungsberichten oder an Tieren?
  • Welche Nebenwirkungen hat es selbst, und was passiert, wenn Sie es absetzen?
  • Was kostet es, und wird es von derselben Person verkauft, die es empfiehlt?
  • Weiß Ihre eigene Ärztin oder Ihr eigener Arzt, dass Sie es nehmen?

Was SIDEfxHUB tut

SIDEfxHUB ist eine Patientenorganisation für Menschen mit PFS, PSSD und PAS und im Vereinigten Königreich als gemeinnützige Organisation eingetragen (Nr. 1203385). Wir finanzieren Forschung, setzen uns dafür ein, dass diese Erkrankungen anerkannt werden, und unterstützen Betroffene.

  • Das Register. Unser Patientenregister begleitet Menschen über Monate und Jahre. Wer dort eingetragen ist, hat sich selbst dafür entschieden. Deshalb kann das Register nicht sagen, wie häufig PFS ist. Es kann aber zeigen, wie sich Symptome mit der Zeit verändern, was eine einzelne Meldung nicht kann.
  • Forschung. Wir sammeln Spenden für das Milano Project an der Universität Mailand, das untersucht, was Finasterid und SSRI im Körper verändern. Seine beiden bisher veröffentlichten Studien wurden an Ratten durchgeführt.

Quellen

Register für PFS, PSSD, PAS

580+ Betroffene haben sich ins Register eingetragen.
Tragen Sie sich ebenfalls ein und melden Sie danach Ihre Nebenwirkungen.

  • Dokumentieren Sie Ihre Erkrankung
  • Erfahren Sie als Erste von Studien, an denen Sie teilnehmen können
  • Melden Sie danach Ihre Nebenwirkungen bei der zuständigen Arzneimittelbehörde
Live 580+ bisher gezählte Betroffene Jeder Punkt ist eine Person 62Länder 3Erkrankungen
Wenn Sie in einer Krise sind: 0800 111 0 111 TelefonSeelsorge116 123 (kostenfrei, rund um die Uhr)Hilfe in Ihrem Land finden

Register für PFS, PSSD, PAS

580+ Betroffene haben sich ins Register eingetragen. Tragen Sie sich ebenfalls ein.

3 Minuten zur Anmeldung · Ihre Angaben werden nie weitergegeben