PSSD oder Absetzsymptome? Der Unterschied
Absetzsymptome wie Brain Zaps dauern laut NHS meist einige Wochen. Sexuelle Probleme, die nach dem Absetzen eines SSRI bleiben, heißen anders: PSSD.
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Absetzsymptome wie Schwindel und „Brain Zaps“, ein Gefühl wie ein Stromschlag im Kopf, beginnen, wenn die Dosis eines SSRI verringert oder das Mittel abgesetzt wird. Laut dem britischen Gesundheitsdienst NHS dauern sie meist einige Wochen. Sexuelle Probleme, die nach dem Absetzen anhalten können, haben in der britischen Packungsbeilage einen eigenen Warnhinweis. Sie haben auch einen Namen: sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (PSSD).
Beides kann zusammen auftreten, und für beides wird das Wort „Absetzsymptome“ gebraucht. Wenn Sie wissen, was jeweils gemeint ist, fällt es leichter, Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt zu sagen, was sich verändert hat, und es zu melden.
Das Wichtigste in drei Punkten
- Absetzsymptome dauern meist einige Wochen, schreibt der britische Gesundheitsdienst NHS (auf Englisch). Bei manchen Menschen können sie Monate oder länger anhalten.
- Die britische Packungsbeilage zu Sertralin (auf Englisch) enthält einen eigenen Warnhinweis: Sexuelle Probleme haben in einigen Fällen „nach Beendigung der Behandlung angehalten“.
- 2019 verlangte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) (auf Englisch) diesen Warnhinweis für jedes SSRI und SNRI. Betroffene nennen es PSSD.
Presse: contact@sidefxhub.com
Francis ist Pflegeexperte mit erweiterten Befugnissen (Nurse Practitioner) in den USA. Er nahm ein paar Monate lang Sertralin (Zoloft). Der Sex veränderte sich während der Einnahme: Er kam nicht mehr zum Orgasmus, und er sagt: „Ich habe nichts mehr gespürt.“
Mit dem Absetzen kam etwas anderes: drei Wochen Brain Zaps. „Es ist, als würde einem ein Blitz in den Kopf einschlagen“, sagt er. Dann hörten die Zaps auf. Die sexuellen Probleme ließen ein wenig nach, doch neun Jahre später sagt er: „Ich war nie wieder derselbe.“
Was sind Absetzsymptome bei Antidepressiva?
Es sind die Beschwerden, die das Absetzen eines Antidepressivums mit sich bringen kann: Schwindel, Übelkeit, Schlafstörungen oder ein Ruck im Kopf wie ein Stromschlag, der Brain Zap. All das steht beim NHS auf der Liste der Absetzsymptome (auf Englisch).
Francis bekam die Zaps bei der Arbeit. Außerdem war ihm übel, er war erschöpft und einer Ohnmacht nahe. „Das waren Absetzsymptome“, sagt er.
Absetzsymptome beginnen meist innerhalb weniger Tage, nachdem man angefangen hat, das Antidepressivum abzusetzen, und dauern einige Wochen, schreibt der NHS. Bei manchen Menschen, heißt es dort weiter, können die Symptome schwer sein, erst Wochen oder Monate später einsetzen und Monate oder länger anhalten.
Wen das trifft, kann bisher niemand vorhersagen, schreibt das Royal College of Psychiatrists (auf Englisch), der britische Berufsverband für Psychiatrie. Einen Zeitpunkt, zu dem Absetzsymptome vorbei sein müssten, gibt es also nicht.
Katie Thistleton, Moderatorin bei BBC Radio 1, setzte ihr Antidepressivum ab und sprach 2023 in einem Film darüber. „Diese Absetzsymptome kann ich nicht noch einmal durchmachen“, sagt sie. Fast vier Monate nach dem Absetzen hatte sie nachts Panikattacken.
Worin unterscheidet sich PSSD von Absetzsymptomen?
Bei PSSD geht es um Sex. Die Probleme können schon während der Einnahme beginnen, schreiben die Ärztinnen, Ärzte und Forschenden, die 2022 die Kriterien für PSSD (auf Englisch) verfasst haben. Bei Francis begannen sie unter Sertralin. Sie sind das, was geblieben ist.
Eines setzen die Kriterien zwingend voraus: eine anhaltende Veränderung des Empfindens im Genitalbereich, etwa ein Taubheitsgefühl, nachdem das Medikament abgesetzt wurde. Brain Zaps und Schwindel stehen nicht auf ihrer Liste.
Auch die britische Packungsbeilage zu Sertralin trennt beides. „Withdrawal reactions“ (Absetzreaktionen) ist ein Warnhinweis. „Sexual problems“ (sexuelle Probleme) ist ein anderer, und dort steht, dass diese Symptome in einigen Fällen „nach Beendigung der Behandlung angehalten haben“.
2019 verlangte die EMA einen Warnhinweis für jedes SSRI und SNRI. Die Überschrift lautete „Persistent sexual dysfunction after drug withdrawal“ (anhaltende sexuelle Funktionsstörung nach dem Absetzen des Arzneimittels).
Im Englischen steht „withdrawal“ auch für Absetzsymptome. Dort bedeutet es einfach, dass das Medikament abgesetzt wird. Kein Wunder, dass beides durcheinandergerät.
Bei manchen Menschen hat PSSD nach dem Absetzen Jahre angehalten. Noch weiß niemand, wen es trifft und ob es nachlässt.
Francis hat in den Jahren seither andere Medikamente genommen. Angefangen habe es mit Sertralin, sagt er.
Können sexuelle Probleme auch Absetzsymptome sein?
Eine Studie hat sie zu den Absetzsymptomen gezählt. Die Studie von 2020 (auf Englisch) wertete Forenbeiträge zu lang anhaltenden Absetzsymptomen aus: Zwei der 69 Personen erwähnten sexuelle Symptome. Auf der NHS-Liste der Absetzsymptome kommt Sex nicht vor.
Auch die Ärztinnen und Ärzte, von denen die PSSD-Kriterien stammen, sehen Überschneidungen. Gewöhnliche sexuelle Nebenwirkungen können nach der letzten Tablette noch „einige Tage oder Wochen“ anhalten, schreiben sie. Sexuelle Probleme können auch erst auftreten oder schlimmer werden, wenn das Medikament abgesetzt ist.
Die Packungsbeilage zu Sertralin nennt „Taubheitsgefühl“ unter dem, was abruptes Absetzen mit sich bringen kann. Wo am Körper, steht dort nicht.
In den ersten Wochen lässt sich also nicht jedes Symptom eindeutig zuordnen. Haben sexuelle Probleme nach dem Absetzen drei Monate angehalten, handelt es sich laut den Kriterien eher um PSSD. Mehr dazu: Gehen sexuelle Nebenwirkungen von SSRI wieder weg? und Keine Libido nach Absetzen von Antidepressiva.
Ein SSRI wird abgesetzt: was die Quellen sagen
Was kann ich tun?
Diese Medikamente helfen vielen Menschen. Wenn Sie Nebenwirkungen haben, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wie es weitergeht. Setzen Sie das Mittel nicht abrupt ab.
Sie müssen nicht wissen, was von beidem es ist, bevor Sie in die Hausarztpraxis gehen. Schreiben Sie auf, was sich verändert hat und wann:
- Ihr Medikament: „Sertralin 50 mg ab Januar 2023, letzte Tablette im März 2024.“
- Was mit dem Absetzen begann: „Brain Zaps und Schwindel seit der Woche nach meiner letzten Tablette.“
- Was sich beim Sex verändert hat und wann: „Berührungen fühlen sich seit dem Frühjahr 2023 taub an, damals nahm ich das Mittel noch.“
- Wie es vorher war: „Vor 2023 keine Probleme.“
Viele sagen, es habe gedauert, bis sie ernst genommen wurden. Nehmen Sie den Satz aus der Packungsbeilage mit. Sie können es auch melden, ohne dass eine Ärztin oder ein Arzt zustimmt.
Auch Absetzsymptome lassen sich melden: Laut NHS nimmt das britische Yellow-Card-System jede vermutete Nebenwirkung entgegen. Wenn gedrückte Stimmung dazugehört, lesen Sie PSSD oder Depression? Woran Sie es erkennen.
Melden Sie es: Das hilft allen
Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt notiert, hilft Ihnen. Eine Meldung an die Arzneimittelbehörde hilft allen anderen: So fallen Muster auf.
- Kein Beweis nötig. Ein Verdacht genügt, auch Jahre nach dem Absetzen.
- Wo: in Deutschland beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), im Vereinigten Königreich über das Yellow-Card-System, in den USA über MedWatch.
- Die richtigen Worte. Wenn die Beschwerden nach dem Absetzen angehalten haben, schreiben Sie Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction, MedDRA 10086208).
Unsere Anleitung zum Melden zeigt Ihnen, wie es geht
Was wird sonst noch oft gefragt?
Sind Brain Zaps ein Zeichen für PSSD? Sie stehen auf der NHS-Liste der Absetzsymptome, und die Kriterien für PSSD nennen sie nicht. Beides kann gleichzeitig vorkommen, wie bei Francis: Zaps vom Absetzen und sexuelle Probleme, die schon früher begonnen hatten.
Was ist ein protrahiertes Absetzsyndrom? So nennen manche Forschende Absetzsymptome, die noch lange nach den ersten Wochen andauern (englisch: protracted withdrawal). Die NHS-Seite verwendet den Begriff nicht. In der Studie von 2020 beschrieben einige Menschen Symptome, die schon seit Jahren anhielten.
Ist ein PSSD-„Crash“ dasselbe wie Absetzsymptome? „Crash“ nennen Betroffene Symptome, die nach dem Absetzen oder Reduzieren eines SSRI auftreten oder sich deutlich verschlimmern. Ein medizinischer Begriff ist das nicht, und er kann beides bezeichnen. Wir beschreiben ihn in PSSD-Crash: Was Sie erwartet und wie Sie damit umgehen.
Francis’ Brain Zaps waren nach drei Wochen vorbei. Neun Jahre später sagt er, er sei nie wieder derselbe gewesen. Wenn sich Sex seit Ihrer letzten Tablette anders anfühlt, können Sie es melden, auch ohne zu wissen, wie Sie es nennen sollen.
Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.
Quellen
- NHS, Antidepressants (auf Englisch), zuletzt geprüft am 12. Juni 2025. „Withdrawal symptoms of antidepressants“: die Liste der Symptome, darunter ein Gefühl wie „ein Stromschlag im Kopf (manchmal als ‚Brain Zaps‘ beschrieben)“. „How long antidepressant withdrawal symptoms last“: Sie „beginnen meist innerhalb weniger Tage, nachdem mit dem Absetzen der Antidepressiva begonnen wurde, und dauern einige Wochen“; bei manchen Menschen können sie schwer sein, „erst Wochen oder Monate später beginnen und Monate oder länger anhalten“. Nebenwirkungen: Probleme beim Sex „können nach dem Absetzen von Antidepressiva anhalten“, bei manchen Menschen. „Sie können jede vermutete Nebenwirkung über das Yellow-Card-System melden.“
- Royal College of Psychiatrists, Stopping antidepressants (auf Englisch), veröffentlicht im März 2024. Mit Verweis auf NICE: Bei manchen Menschen „können“ Absetzsymptome „mild sein und relativ schnell wieder verschwinden“; andere „können schwerere Symptome haben, die viel länger anhalten (manchmal Monate oder länger als ein Jahr)“. „Derzeit können wir nicht vorhersagen, wer die schwereren Absetzsymptome bekommt.“
- Lustral (sertraline) 50 mg and 100 mg film-coated tablets, Packungsbeilage (auf Englisch), Viatris, Electronic Medicines Compendium (EMC 2835), zuletzt überarbeitet im Dezember 2025. Abschnitt 2, „Withdrawal reactions“: Solche Symptome „klingen“ im Allgemeinen „innerhalb von 2 Wochen ab“, bei manchen Patientinnen und Patienten „können sie länger anhalten (2-3 Monate oder länger)“. Abschnitt 2, „Sexual problems“: „In einigen Fällen haben diese Symptome nach Beendigung der Behandlung angehalten.“ Abschnitt 3, „If you stop taking Lustral“: „Schwindel, Taubheitsgefühl, Schlafstörungen, Unruhe oder Angst, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Zittern“.
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), PRAC, recommendations on signals adopted at the 13-16 May 2019 PRAC meeting (auf Englisch), EMA/PRAC/265212/2019, Abschnitt 1.3, „Persistent sexual dysfunction after drug withdrawal“, angenommen am 16. Mai 2019. Wortlaut des Warnhinweises für sechs SSRI und vier SNRI.
- Healy D, Bahrick A, Bak M et al. Diagnostic criteria for enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, finasteride and isotretinoin (auf Englisch). Int J Risk Saf Med 2022;33(1):65-76. Ein Konsens von Fachleuten. Das notwendige Kriterium ist eine anhaltende Veränderung der Empfindung im Genitalbereich nach Ende der Behandlung. Gewöhnliche sexuelle Nebenwirkungen „können noch einige Tage oder Wochen anhalten“; hält die Funktionsstörung drei Monate an, „handelt es sich eher um PSSD“. „In manchen Fällen kann eine anhaltende sexuelle Funktionsstörung erst auftreten, wenn das Medikament abgesetzt wird, oder eine leichte Funktionsstörung unter der Behandlung kann sich beim Absetzen verschlimmern.“
- Hengartner MP, Schulthess L, Sorensen A, Framer A. Protracted withdrawal syndrome after stopping antidepressants: a descriptive quantitative analysis of consumer narratives from a large internet forum (auf Englisch). Ther Adv Psychopharmacol 2020;10:2045125320980573. 69 Berichte aus einem Forum für den Austausch unter Betroffenen, mit Symptomen, die länger als sechs Wochen anhielten; Dauer 5 bis 166 Monate. Anhaltende sexuelle Symptome erwähnten zwei Personen. Die Forschenden merken an, dass heikle Symptome womöglich nicht genannt wurden. Forenbeiträge: eine Zählung dessen, was Menschen geschrieben haben, keine Häufigkeit.
- Moral Medicine, Interview mit Francis (auf Englisch), 11. August 2025. Seine Geschichte auf unserer Website: Francis’ Geschichte: ein Pflegeexperte zu PSSD.
- BBC News, Antidepressants: Should we talk about side-effects? (auf Englisch), 11. August 2023.
- MedDRA-Begriff der untersten Ebene (Lowest Level Term) Post-SSRI sexual dysfunction, Code 10086208.
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Keine Diagnose nötig. Forschende sehen Ihren Namen nie.