PSSD oder Depression? Woran Sie es erkennen
Depression senkt oft die Libido. Bleibt ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich nach dem Absetzen eines SSRI trotz besserer Stimmung, spricht das für PSSD.
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Eine Depression senkt oft die Lust auf Sex. Ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich verursacht sie laut Forschenden aber nicht. Beginnt es unter einem SSRI und bleibt nach dem Absetzen, auch bei besserer Stimmung, spricht das vor allem für eine sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (PSSD). Davor warnen britische Packungsbeilagen.
Ihre Ärztin oder Ihr Arzt sagt vielleicht, das liege an der Depression, und manche Psychiaterinnen und Psychiater sehen das tatsächlich so. Wenn Sie wissen, was beides unterscheidet, können Sie besser erklären, was sich verändert hat und wann.
Das Wichtigste in drei Punkten
- Eine Depression senkt oft das sexuelle Verlangen. In einer Studie (auf Englisch) hatte fast die Hälfte der Menschen mit Depression, die kein Antidepressivum nahmen, weniger Interesse an Sex.
- Die britische Packungsbeilage zu Sertralin (auf Englisch) warnt, dass sexuelle Probleme in einigen Fällen „nach Beendigung der Behandlung angehalten haben“.
- Die Forschenden hinter den PSSD-Kriterien schreiben, anhaltende Veränderungen des Gefühls im Genitalbereich „scheinen für PSSD kennzeichnend zu sein“ (Kriterien, auf Englisch).
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Anthony bekam Sertralin (Zoloft) gegen leichte Schlafstörungen verschrieben. Insgesamt nahm er 11 Tabletten zu 25 mg.
Schon nach wenigen Tagen seien seine Gefühle abgestumpft, erzählt er, und sein Genitalbereich sei taub geworden. Das Taubheitsgefühl blieb auch nach dem Absetzen. Er hatte sie genommen, um besser zu schlafen. Hätte er sie gegen eine Depression genommen, hätte man dasselbe Taubheitsgefühl leicht der Krankheit zuschreiben können.
Kann eine Depression sexuelle Probleme auslösen?
Ja, und vor allem senkt sie das sexuelle Verlangen, heißt es in einem Bericht der neuseeländischen Arzneimittelbehörde von 2026 (auf Englisch). Der britische Gesundheitsdienst NHS nennt in seiner Liste der Depressionssymptome (auf Englisch) „vermindertes sexuelles Verlangen (Libidoverlust)“. Ein Taubheitsgefühl kommt dort nicht vor.
Das zeigt sich auch ganz ohne Tabletten. In einer kanadischen Studie (auf Englisch) hatte fast die Hälfte der Menschen mit Depression, die keine Medikamente nahmen, weniger Interesse an Sex.
Manche Psychiaterinnen und Psychiater denken deshalb zuerst an die Depression. „Ich glaube, da kommt die Depression zurück. Bis zum Beweis des Gegenteils ist es genau das“, sagte Dr. Anita Clayton, damals Leiterin der Psychiatrie an der University of Virginia, 2023 der New York Times (auf Englisch). Von ihr stammen einige der frühesten Studien, die zeigten, dass SSRI häufig sexuelle Nebenwirkungen haben.
Andere meinen, PSSD werde übersehen. Joanna Moncrieff ist Professorin für Psychiatrie am University College London (UCL). Sie sagt, es gebe Berichte über sexuelle Probleme, die nach diesen Medikamenten Monate und sogar Jahre anhielten. Viele Ärztinnen und Ärzte wüssten womöglich nichts davon, sagt sie.
Wie unterscheidet sich PSSD von einer Depression?
PSSD verändert, wie sich der Genitalbereich anfühlt. Manche sagen, es sei, als wäre die Stelle örtlich betäubt worden. Andere spüren Berührungen zwar noch, aber nicht anders als an jeder anderen Stelle des Körpers.
Diese veränderte Empfindung ist das einzige Symptom, das die Kriterien für PSSD von 2022 (auf Englisch) zwingend voraussetzen. „Keine psychische Erkrankung verursacht eine Betäubung der Genitalien“, schreiben David Healy und Dee Mangin (auf Englisch), die beide an den Kriterien mitgearbeitet haben.
In einer Umfrage (auf Englisch) unter Menschen aus einem PSSD-Forum hing das Taubheitsgefühl nicht damit zusammen, wie depressiv jemand war. Bei Orgasmen mit wenig Lustgefühl gab es diesen Zusammenhang, deshalb helfen sie weniger dabei, beides auseinanderzuhalten.
Das Taubheitsgefühl bleibt leicht unerwähnt. Betroffene sprechen es nicht immer an, solange niemand danach fragt, schreiben Healy und Mangin. Sagen Sie es deshalb auch dann, wenn Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt nur nach dem Verlangen fragt. Unser Artikel über Taubheitsgefühl im Genitalbereich nach SSRI beschreibt es genauer.
Liegt es an meiner Depression oder am Antidepressivum?
Der zweite Hinweis ist der zeitliche Ablauf. Schauen Sie sich drei Zeitabschnitte an.
Wie war der Sex? Wenig Verlangen, das schon vorher da war, kann von der Depression kommen.
Hat sich das Gefühl im Genitalbereich verändert? Eine veränderte Empfindung deutet eher auf das Medikament hin.
Ist es geblieben, auch als die Stimmung wieder besser war? Die PSSD-Kriterien nennen drei Monate oder länger.
Außerdem verlangen die Kriterien, dass das Problem nicht schon vor dem Medikament bestand. Für manche ist das leicht zu erkennen.
In Meldungen an Lareb, das niederländische Zentrum für Nebenwirkungen, schrieben mehrere Menschen, ihre Depression sei abgeklungen, ihr Sexualleben habe sich aber nicht erholt. „Ich hatte schon einmal eine Depression (ohne Medikamente), und damals war meine Libido gut“, schrieb eine Frau. Die neuseeländische Arzneimittelbehörde hat diese Meldungen noch einmal ausgewertet und hält fest, solche Fälle „könnten auf eine Ursache im Medikament hindeuten“.
Ganz eindeutig ist es nicht immer. Auch PSSD kann Gefühle dämpfen, und das sieht einer Depression sehr ähnlich. Die Kriterien nennen emotionale Abstumpfung als Symptom und schreiben, dass sie oft mit dem Taubheitsgefühl im Genitalbereich einhergeht.
Was kann ich tun?
Diese Medikamente helfen vielen Menschen. Wenn Sie Nebenwirkungen haben, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wie es weitergeht. Setzen Sie das Mittel nicht abrupt ab.
Schreiben Sie vor dem Termin in der Hausarztpraxis auf, wie alles verlaufen ist. So sieht man dort, was sich wann verändert hat:
- Ihr Medikament: „Sertralin 50 mg ab Januar 2023, letzte Tablette im März 2024.“
- Was sich verändert hat: „Berührungen fühlen sich taub an“, „Orgasmus ohne Lustgefühl“.
- Wann es begann: vorher, während der Einnahme oder nach dem Absetzen.
- Wie es vorher war und wie Ihre Stimmung heute ist: „Vor 2023 keine Probleme. Meine Stimmung ist seit letztem Sommer gut.“
- Wonach in der Praxis sonst noch gefragt wird: andere Medikamente, Verhütung, Alkohol, Diabetes, Wechseljahre.
Unser Artikel dazu, wie PSSD diagnostiziert wird, erklärt die Kriterien.
Viele sagen, es habe gedauert, bis sie ernst genommen wurden. Nehmen Sie den Satz aus der Packungsbeilage mit: Sexuelle Probleme haben in einigen Fällen „nach Beendigung der Behandlung angehalten“. Sie können es auch melden, ohne dass eine Ärztin oder ein Arzt zustimmt.
Melden Sie es: Das hilft allen
Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt notiert, hilft Ihnen. Eine Meldung an die Arzneimittelbehörde hilft allen anderen: So fallen Muster auf.
- Kein Beweis nötig. Ein Verdacht genügt, auch Jahre nach dem Absetzen.
- Wo: in Deutschland beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), im Vereinigten Königreich über das Yellow-Card-System, in den USA über MedWatch.
- Die richtigen Worte. Wenn die Beschwerden nach dem Absetzen angehalten haben, schreiben Sie Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction, MedDRA 10086208).
Unsere Anleitung zum Melden zeigt Ihnen, wie es geht
Was wird sonst noch oft gefragt?
Kann ich gleichzeitig eine Depression und PSSD haben? Ja. Eine aktuelle psychische Diagnose „steht einer Diagnose nicht entgegen“, heißt es in den PSSD-Kriterien. Der Zusammenhang kann auch andersherum laufen: Laut einer Übersichtsarbeit von 2012 (auf Englisch) wurden Menschen mit sexuellen Problemen später häufiger depressiv. Dass es Ihnen gerade seelisch schlecht geht, beantwortet die Frage also noch nicht.
Ist eine verminderte Libido nach dem Absetzen immer PSSD? Nein. Wenig Verlangen allein hat viele mögliche Ursachen, etwa Depression, Stress, Hormone oder andere Medikamente. Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt kann das abklären. Für PSSD braucht es eine Veränderung des Gefühls im Genitalbereich. Ein Libidoverlust stützt die Diagnose, reicht allein aber nicht aus.
Könnten es einfach Absetzsymptome sein? In den ersten Wochen schon. Laut Packungsbeilage zu Sertralin klingen Absetzsymptome meist innerhalb von zwei Wochen ab, manche Menschen haben sie aber zwei bis drei Monate oder länger. Die PSSD-Kriterien ergänzen, dass gewöhnliche sexuelle Nebenwirkungen noch Tage oder Wochen nach der letzten Tablette anhalten können.
Anthony nahm 11 Tabletten, um besser zu schlafen, und das Taubheitsgefühl ist nach seinen Worten nie verschwunden. Begann Ihr Taubheitsgefühl unter einem SSRI und blieb es trotz besserer Stimmung, melden Sie es: Eine Meldung zählt auch noch Jahre später.
Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.
Quellen
- Lustral (sertraline) 50 mg and 100 mg film-coated tablets, Packungsbeilage (auf Englisch), Viatris, Electronic Medicines Compendium (EMC 2835), zuletzt überarbeitet im Dezember 2025. Abschnitt 2, „Sexual problems“: „In einigen Fällen haben diese Symptome nach Beendigung der Behandlung angehalten.“ Abschnitt 2, „Withdrawal reactions“: Die Symptome klingen meist innerhalb von 2 Wochen ab, bei manchen Patientinnen und Patienten halten sie 2 bis 3 Monate oder länger an. Abschnitt 4: vermindertes sexuelles Interesse und Erektionsstörungen als häufig, ausbleibender Samenerguss als sehr häufig aufgeführt.
- NHS, Depression in adults: symptoms (auf Englisch), zuletzt geprüft am 5. Juli 2023. Zu den körperlichen Symptomen gehört „vermindertes sexuelles Verlangen (Libidoverlust)“.
- Kennedy SH, Dickens SE, Eisfeld BS, Bagby RM. Sexual dysfunction before antidepressant therapy in major depression (auf Englisch). J Affect Disord 1999;56(2-3):201-8. 134 Menschen mit einer Major Depression in Toronto, die keine Medikamente nahmen: Über 40 % der Männer und 50 % der Frauen gaben ein vermindertes sexuelles Interesse an; Orgasmus- oder Ejakulationsstörungen bei 15 bis 20 %. Keine Vergleichsgruppe ohne Depression.
- Medsafe, Update on sexual dysfunction (post-SSRI sexual dysfunction, PSSD) following discontinuation of serotonin reuptake inhibitors (auf Englisch), Unterlage für das neuseeländische Medicines Adverse Reactions Committee, 11. Juni 2026. Abschnitt 2.2.1.2: Sexuelle Funktionsstörungen infolge einer Depression bedeuten „überwiegend“ ein vermindertes sexuelles Verlangen. Abschnitt 3.3.1: Zusammenfassung der Lareb-Meldungen mit Zitaten von Patientinnen und Patienten und der Anmerkung, Fälle, in denen die Depression abgeklungen war, die sexuellen Beschwerden aber nicht, „könnten auf eine Ursache im Medikament hindeuten“.
- Chinchilla Alfaro K, van Hunsel F, Ekhart C. Persistent sexual dysfunction after SSRI withdrawal: a scoping review and presentation of 86 cases from the Netherlands (auf Englisch). Expert Opin Drug Saf 2022;21(4):553-61. Meldungen an das niederländische Pharmakovigilanzzentrum Lareb, 1992 bis 2021; das Zitat stammt von einer Frau zwischen 21 und 30 Jahren, wie im Medsafe-Bericht wiedergegeben.
- Ghorayshi A. After Antidepressants, a Loss of Sexuality (auf Englisch). The New York Times, 9. November 2023. Zitat von Dr. Anita Clayton, damals Leiterin der Psychiatrie an der University of Virginia School of Medicine. Der Artikel beschreibt sie als eine der Ersten, die Forschung dazu veröffentlicht haben, dass SSRI weit verbreitete sexuelle Nebenwirkungen haben.
- Healy D, Bahrick A, Bak M et al. Diagnostic criteria for enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, finasteride and isotretinoin (auf Englisch). Int J Risk Saf Med 2022;33(1):65-76. Abschnitt 3. Das notwendige Kriterium ist eine anhaltende Veränderung der Empfindung im Genitalbereich nach Ende der Behandlung. Vor dem Medikament sollte keine sexuelle Funktionsstörung mit demselben Bild bestanden haben. Zu den zusätzlichen Kriterien gehört, dass das Problem 3 Monate oder länger nach dem Absetzen besteht. Empfindungsveränderungen „scheinen für PSSD kennzeichnend zu sein“. Emotionale Abstumpfung und Taubheitsgefühl im Genitalbereich „gehen häufig zusammen“. „Eine aktuelle Diagnose einer psychischen Erkrankung steht einer Diagnose nicht entgegen.“
- Healy D, Mangin D. Post-SSRI sexual dysfunction: barriers to quantifying incidence and prevalence (auf Englisch). Epidemiol Psychiatr Sci 2024;33:e40. Zur Betäubung der Genitalien (genitale Anästhesie) und dazu, dass Veränderungen der Empfindung im Genitalbereich nicht immer von sich aus genannt werden, wenn niemand direkt danach fragt.
- Ben-Sheetrit J, Aizenberg D, Csoka AB et al. Post-SSRI sexual dysfunction: clinical characterization and preliminary assessment of contributory factors and dose-response relationship (auf Englisch). J Clin Psychopharmacol 2015;35(3):273-8. Online-Umfrage unter 532 Menschen, gewonnen über ein PSSD-Forum. Die genitale Anästhesie hing nicht mit den Werten für Depression oder Angst zusammen; Orgasmen ohne Lustgefühl sagten eine Depression voraus.
- Atlantis E, Sullivan T. Bidirectional association between depression and sexual dysfunction: a systematic review and meta-analysis (auf Englisch). J Sex Med 2012;9(6):1497-507. Sechs Studien zu sexuellen Funktionsstörungen und späterer Depression, 11.171 Menschen, über 1 bis 10 Jahre begleitet.
- Moral Medicine, Interview mit Anthony (auf Englisch), 20. Oktober 2025. Seine Geschichte auf unserer Website: Anthonys Geschichte: 11 Tabletten Sertralin.
- PSSD Network, Professor Joanna Moncrieff discusses Post-SSRI Sexual Dysfunction (auf Englisch), Juni 2026.
- MedDRA-Begriff der untersten Ebene (Lowest Level Term) Post-SSRI sexual dysfunction, Code 10086208.
Was hier steht, ersetzt keine ärztliche Beratung. Besprechen Sie Entscheidungen über Ihre Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
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Keine Diagnose nötig. Forschende sehen Ihren Namen nie.