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Wie wird PSSD diagnostiziert?

PSSD wird ohne Test diagnostiziert, nach Vorgeschichte und Kriterien von 2022. Diese sind keine offizielle Leitlinie, womöglich müssen Sie sie mitbringen.

Von Morten SkovVeröffentlicht Aktualisiert
Wie wird PSSD diagnostiziert?

PSSD, die sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme, wird anhand Ihrer Vorgeschichte diagnostiziert, denn einen Test dafür gibt es nicht. Kriterien aus dem Jahr 2022 verlangen zwei Dinge: Sie haben ein Antidepressivum vom Typ SSRI oder SNRI genommen. Und das Gefühl im Genitalbereich hat sich verändert und ist es nach dem Absetzen geblieben. Doch diese Kriterien sind ein Vorschlag von 37 Ärztinnen, Ärzten und Forschenden, keine offizielle Leitlinie. Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sind sie womöglich noch nie begegnet.

Diese Lücke wiegt schwerer als der fehlende Test. Eine Diagnose aus der Vorgeschichte gelingt nur, wenn in der Praxis bekannt ist, wonach zu fragen ist. Und die entscheidende Veränderung, die des genitalen Empfindens, kann sich hinter geringer Lust verbergen. Solange die Kriterien nicht Teil offizieller Leitlinien sind, hängt die Anerkennung oft davon ab, dass Sie sie mitbringen.

Wie PSSD ohne Test diagnostiziert wird

Die Kriterien von 2022 (auf Englisch) sind ein Konsens, kein erprobtes Instrument. Für PSSD bestehen sie aus drei Teilen.

  • Zwei Dinge müssen vorliegen. Sie haben einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer genommen, etwa ein Antidepressivum aus der Gruppe der SSRI oder SNRI. Und Ihr genitales Empfinden hat sich verändert, bei Berührung, im sexuellen Empfinden oder in beidem, und ist es nach dem Absetzen geblieben.
  • Weitere Anzeichen stützen die Diagnose. Ein anhaltender Verlust der Lust, Erektionsstörungen und schwächere oder ausbleibende Orgasmen zählen ebenfalls.
  • Andere Erklärungen müssen fehlen. Dasselbe Problem darf vor dem Medikament nicht bestanden haben. Und nichts anderes darf es erklären, etwa eine andere Erkrankung, ein anderes Medikament oder eine Substanz.

Die Autorinnen und Autoren sind sich einig: „Hält die Funktionsstörung drei Monate an, handelt es sich wahrscheinlicher um PSSD.“ Das ist eine Einschätzung, keine gemessene Grenze. Sie schrieben die Kriterien „in Ermangelung eines Biomarkers“, also eines messbaren Zeichens wie eines Blutwerts. Eine quantitative sensorische Testung am Penis kann, wo sie angeboten wird, helfen, das Berührungsempfinden zu beurteilen. Für das sexuelle Empfinden aber gibt es laut der Arbeit „keine verfügbaren Tests“.

Ein Fachartikel, keine Leitlinie

Die Kriterien stammen aus einem Artikel im International Journal of Risk & Safety in Medicine. Ihn verfassten 37 Autorinnen und Autoren aus zehn Ländern unter Leitung von David Healy von der McMaster University in Kanada. Sie entwarfen die Kriterien anhand von zwei Fallserien mit 120 und 300 Fällen. Diese stammten aus Meldungen an RxISK.org, eine Website zur Arzneimittelsicherheit. Dann überarbeiteten sie die Kriterien, „bis Einigkeit erreicht war“.

Damit sind die Kriterien ein Konsens, mit den Grenzen, die ein Konsens hat. Die Meldungen kamen von Menschen, die sie von sich aus schickten, und die Arbeit berichtet von keiner Erprobung der Kriterien an Patientinnen und Patienten. Sie legt außerdem offen, dass drei aus dem Autorenteam mit RxISK.org verbunden sind. Mehrere haben sich laut der Arbeit bei Arzneimittelbehörden für die Warnhinweise eingesetzt.

Behörden haben seit 2019 drei Schritte unternommen. Keiner davon sagt Ärztinnen und Ärzten, wie PSSD zu diagnostizieren ist.

Behörden warnten, codierten und dokumentierten. Die Kriterien schrieben Forschende.

2019
Ein Warnhinweis in der FachinformationDie britischen Fachinformationen zu SSRI nennen Meldungen anhaltender sexueller Probleme nach dem Absetzen.
2021
Ein Begriff für Nebenwirkungsmeldungen„Post-SSRI sexual dysfunction“ wird in MedDRA aufgenommen, das Wörterbuch der Arzneimittelbehörden.
2022
DiagnosekriterienVon 37 Ärztinnen, Ärzten und Forschenden in einer Fachzeitschrift veröffentlicht.
2024
Ein Code für NHS-AktenSNOMED, das Codiersystem der Akten im britischen NHS, nimmt im Oktober einen auf.
2025
Klinische Anerkennung: nicht Aufgabe der MHRADie britische Regierung erklärt, das liege außerhalb der Zuständigkeit der MHRA.
Der einzige Schritt, der sagt, wie PSSD diagnostiziert wird, kam von einer Forschungsgruppe, nicht von einer Behörde. Quellen: schriftliche Antwort der britischen Regierung HL7363, Mai 2025; britische Fachinformation zu Escitalopram; Healy und Kollegen, 2022.

Die britische Fachinformation zu Escitalopram (auf Englisch) wurde 2019 aktualisiert, wie die aller SSRI. Dort heißt es: „Es gab Meldungen über lang anhaltende sexuelle Funktionsstörungen, bei denen die Symptome trotz Absetzens fortbestanden.“

Doch eine Fachinformation hält Meldungen fest. Worauf Ärztinnen und Ärzte achten sollen, legen klinische Leitlinien fest. In England schreibt sie das NICE. Seine Leitlinie zur Depression von 2022 (auf Englisch) nennt „langfristige Auswirkungen auf die sexuelle Funktion“ unter den Risiken, wenn Antidepressiva lange genommen werden. Sexuelle Probleme, die nach dem Absetzen anhalten, erwähnt sie nicht. Ebenso wenig tut das die Leitlinie des NICE von 2022 zu Medikamenten, die mit Absetzsymptomen verbunden sind (auf Englisch).

Im Mai 2025 fragte ein Mitglied des britischen Oberhauses, ob die Regierung PSSD als Erkrankung anerkennen wolle. Die Antwort (auf Englisch) verwies auf die Fachinformation, den Wörterbuchbegriff und den Code für die Akten. Sie ergänzte, die MHRA, die britische Arzneimittelbehörde, habe eine Expertengruppe zu Packungsbeilagen. Deren Arbeit werde sich aber „nicht mit der klinischen Anerkennung“ von PSSD befassen, „da diese außerhalb der Zuständigkeit der MHRA liegt“. Wer dafür zuständig ist, sagte die Antwort nicht.

Wir meinen, die Art der Belege erklärt beides: die Grenzen der Kriterien und die Lücke in den Leitlinien. Leitlinien folgen meist Zahlen. Fallberichte können zeigen, dass etwas vorkommt, aber nie, wie oft. Und klinische Studien sehen „in der Regel keine Nachbeobachtung“ sexueller Nebenwirkungen vor, wie die Autorinnen und Autoren der Kriterien anmerken. Ohne Test ist ein Konsens ein fairer Anfang, und das Autorenteam erwartet selbst, dass seine Kriterien „angepasst werden müssen“. Wie gut sie funktionieren, würde eine Studie zeigen, die sie bei Menschen mit und ohne Antidepressiva anwendet.

Andere Ursachen fair ausschließen

Vielleicht hat man Ihnen gesagt, es sei Angst, Depression oder „nur im Kopf“. Genau dieses Risiko haben die Autorinnen und Autoren der Kriterien beschrieben. Diese Erkrankungen seien „bei Fachleuten im Gesundheitswesen wenig bekannt und schlecht verstanden“, schrieben sie. Wer diese Erkrankungen außer Acht lässt, riskiert eine „Fehldiagnose als psychogenes Problem“, also als Problem, das man für seelisch bedingt hält.

Die Frage dahinter ist trotzdem berechtigt. Eine Übersichtsarbeit von 2012 (auf Englisch) wertete sechs Studien mit 3.285 Menschen aus, die zwei bis neun Jahre begleitet wurden. Depression erhöhte darin das Risiko sexueller Probleme um etwa 50 bis 70 %. Das ist eine relative Zahl, eine Ausgangsrate nennt die Arbeit nicht. Das Ergebnis zeigte sich in zwei ihrer drei Analysen, und sechs Studien sind eine schmale Grundlage.

Die Kriterien behandeln PSSD nicht als das, was übrig bleibt. Sie verlangen eine Veränderung des genitalen Empfindens, die laut den Autorinnen und Autoren „charakteristisch für PSSD“ zu sein scheint. Auch eine Übersichtsarbeit von 2026 (auf Englisch) grenzt PSSD über das Taubheitsgefühl im Genitalbereich von einer zurückkehrenden Depression ab. Sie fasst allerdings nur Studien zusammen, die bis April 2024 erschienen sind. Eine psychische Diagnose, ergänzen die Kriterien, schließt PSSD nicht aus.

Absetzsymptome lassen sich am zeitlichen Verlauf und an der Art der Beschwerden unterscheiden. Laut Fachinformation zu Escitalopram klingen Absetzsymptome, zu denen „stromschlagartige Empfindungen“ gehören, meist innerhalb von zwei Wochen ab. Bei manchen Menschen können sie aber „länger anhalten (2-3 Monate oder mehr)“. Die Drei-Monats-Marke liegt am Rand dieses Bereichs. Wer Ihnen sechs Wochen nach der letzten Dosis zum Abwarten rät, handelt also nicht unvernünftig.

Bei manchen endet das Warten mit Beschwerden, die nicht vergehen. Jonathan erzählt in einem Interview auf dem YouTube-Kanal von Moral Medicine, wie er mit PSSD lebt.

Setzen Sie kein Medikament ab und ändern Sie nichts an der Einnahme, nur weil es auf dieser Seite steht.

Sie müssen kein Medikament absetzen, um das ärztlich anzusprechen. Ist Absetzen nicht möglich, „könnte eine vorläufige Diagnose gerechtfertigt sein“, so die Kriterien. Die britische Fachinformation zu Escitalopram (auf Englisch) rät: „Ein abruptes Absetzen sollte vermieden werden.“ Jede Änderung gehört in ein Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Die letzten Prüfungen betreffen andere Medikamente, Substanzen und Erkrankungen. Das kann Blutuntersuchungen bedeuten, auch der Hormonwerte, und eine Untersuchung der Nerven. Grenzwertige Hormonwerte finden sich bei PSSD manchmal, halten die Kriterien fest, und sie „könnten eher eine Folge der Erkrankungen als ihre Ursache sein“. Unauffällige Befunde sprechen nicht gegen PSSD. Sie sprechen gegen die anderen Erklärungen.

Mit den Kriterien in die Hausarztpraxis

Der Artikel ist frei zugänglich (auf Englisch). Drucken Sie ihn aus und nehmen Sie eine schriftliche Vorgeschichte mit. Notieren Sie, welches Medikament Sie ungefähr wann genommen haben, wann die Veränderung begann, wie lange sie seit der letzten Dosis besteht und wie es vorher war. Benennen Sie dann die Art der Veränderung: ob sich Berührung gedämpft anfühlt oder ob sie ankommt, sich aber nicht mehr sexuell anfühlt. Was Frauen beschreiben, steht in PSSD bei Frauen: sexuelle Nebenwirkungen.

  • Bitten Sie darum, dass es dokumentiert wird. Seit Oktober 2024 gibt es in den Akten des britischen NHS einen SNOMED-Code für anhaltende sexuelle Funktionsstörungen nach dem Absetzen eines SSRI. Was in Ihrer Akte steht, liest die nächste Ärztin oder der nächste Arzt.
  • Melden Sie es. In Deutschland ist das BfArM zuständig. Im Vereinigten Königreich kann jede und jeder (auf Englisch) über das Yellow-Card-System der MHRA melden. Sie brauchen also keine ärztliche Zustimmung. Verwenden Sie den Begriff aus dem Kasten unten. Er stammt aus MedDRA, dem Wörterbuch, mit dem Arzneimittelbehörden Meldungen erfassen.
  • Tragen Sie sich ins Patientenregister ein. Eine Meldung ist eine Momentaufnahme. Das Register begleitet Menschen über Monate und Jahre. Wie viele vollständig genesen, „wurde nie richtig untersucht“, schreiben die Autorinnen und Autoren der Kriterien. Wer im Register steht, hat sich selbst eingetragen, deshalb kann es nicht sagen, wie häufig PSSD ist.

MedDRA-Code 10086208
Englischer Fachbegriff: Post-SSRI sexual dysfunction

Verwenden Sie diesen Begriff, wenn Sie ein SSRI oder SNRI eingenommen haben und die Probleme nach dem Absetzen anhielten. Tragen Sie Code und Begriff genau so in das Freitextfeld ein und beschreiben Sie Ihre Beschwerden danach mit eigenen Worten. „PSSD“ allein steht nicht im Wörterbuch. Unsere Anleitung zum Melden deckt das Vereinigte Königreich, die USA und weitere Länder ab.

Kein Test beweist PSSD, und dank der Kriterien braucht es auch keinen, um die Erkrankung zu erkennen. Nötig ist dafür vor allem, dass man in der Praxis von diesen Kriterien weiß. Solange offizielle Leitlinien sie nicht enthalten, fängt das oft bei Ihnen an: mit dem Artikel, Ihrer Vorgeschichte und Ihrem Eintrag im Register.

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Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.

Was hier steht, ersetzt keine ärztliche Beratung. Besprechen Sie Entscheidungen über Ihre Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

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