Wie wird PSSD ohne Test diagnostiziert?
Wie PSSD ohne Test diagnostiziert wird, warum es in der Hausarztpraxis womöglich unbekannt ist und ob es Depression oder Absetzsymptome sein könnten.

Sie suchen nach einem Test, der PSSD zeigt? Den gibt es nicht. Für die sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (PSSD) gibt es weder einen Bluttest noch eine bildgebende Untersuchung. Sie kann nach dem Absetzen eines SSRI- oder SNRI-Antidepressivums anhalten.
Ärztinnen und Ärzte stellen die Diagnose stattdessen anhand Ihrer Vorgeschichte, nach den 2022 vorgeschlagenen Kriterien.
Rosie bekam PSSD, nachdem ihr Escitalopram (Lexapro, in Deutschland Cipralex) verschrieben worden war. Im Jahr 2024 sprach sie als Präsidentin des PSSD Network über Beschwerden, die bereits seit rund vier Jahren anhielten. Sie erzählte auch, wie schwer es war, Ärztinnen und Ärzte dazu zu bringen, diese Beschwerden anzuerkennen.
Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt hat die Kriterien womöglich noch nie gesehen. Die Autorinnen und Autoren der Kriterien schreiben, Erkrankungen wie PSSD seien „bei Fachleuten im Gesundheitswesen wenig bekannt und kaum verstanden“.
Wie läuft eine Diagnose also ab, und was können Sie tun?
Wie stellen Ärztinnen und Ärzte PSSD ohne Test fest?
Anhand Ihrer Vorgeschichte. Ärztinnen und Ärzte, die die Erkrankung kennen, gleichen Ihre Angaben mit den Kriterien von 2022 (auf Englisch) ab. Verfasst hat sie eine internationale Gruppe unter Leitung von David Healy. Es sind vorgeschlagene Kriterien: Sie beruhen auf Berichten, die Menschen an eine Website zur Arzneimittelsicherheit geschickt haben, und wurden noch nicht an Patientinnen und Patienten erprobt. Die Autorinnen und Autoren rechnen damit, dass sie „angepasst werden müssen“.
PSSD ist mehr als ein sexuelles Problem. Im Kern steht eine anhaltende Veränderung im Empfinden der Genitalien, oft ein Taubheitsgefühl. Die Kriterien nennen außerdem emotionale Abstumpfung, kognitive Beschwerden und Veränderungen bei anderen Sinneswahrnehmungen.
Das entscheidende Zeichen ist eine Veränderung im Empfinden Ihrer Genitalien, die nach dem Absetzen anhält. Manche sagen, es fühle sich an, als wäre die Stelle betäubt worden. Andere sagen, sie spürten Berührungen zwar noch, aber nicht mehr als sexuell.
Sie haben ein SSRI oder SNRI genommen. Seit dem Absetzen fühlen sich Ihre Genitalien nicht mehr so an wie früher.
Anhaltender Libidoverlust, Erektionsstörungen, kein Orgasmus oder Orgasmen mit wenig Lustempfinden. Das Problem besteht seit dem Absetzen drei Monate oder länger.
Vor dem Medikament gab es kein solches Problem. Keine andere Erkrankung, kein anderes Medikament und keine Substanz kann es erklären.
Gewöhnliche sexuelle Nebenwirkungen können nach der letzten Tablette noch Tage oder Wochen anhalten, schreiben die Autorinnen und Autoren. Hält das Problem drei Monate an, ist PSSD wahrscheinlicher, darin sind sie sich einig.
Außerdem warnen sie, dass sich die veränderte Empfindung hinter geringer Lust „verbergen kann“. „Emotionale Abstumpfung und Taubheitsgefühl im Genitalbereich treten häufig gemeinsam auf“, fügen sie hinzu. Erwähnen Sie also beides, auch wenn Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt nur nach der Lust fragt.
Warum kennen Hausärztinnen und Hausärzte PSSD manchmal nicht?
Weil die Kriterien in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift stehen und keiner der offiziellen Schritte seit 2019 Ärztinnen und Ärzten sagt, wie man PSSD diagnostiziert. Daraus folgten ein Warnhinweis in der Packungsbeilage und Codes für Patientenakten.
Offizielle Schritte erfassen PSSD. Die Kriterien kamen von Forschenden.
Die englische Leitlinie des NICE zur Depression (auf Englisch) erwähnt langfristige Folgen für die Sexualität, solange Menschen Antidepressiva nehmen. Probleme, die nach dem Absetzen anhalten, erwähnt sie nicht.
Im Mai 2025 fragte ein Mitglied des britischen Oberhauses, ob die Regierung PSSD anerkennen werde. Die Antwort (auf Englisch) verwies auf den Warnhinweis und die Codes sowie auf eine Expertengruppe, die prüft, wie Packungsbeilagen das Risiko beschreiben. PSSD in der ärztlichen Praxis anzuerkennen, liege „außerhalb der Zuständigkeit der MHRA“, der britischen Arzneimittelbehörde, hieß es darin.
Könnte es eine Depression oder ein Absetzsyndrom sein?
Das ist möglich, und Ihre Ärztin oder Ihr Arzt sollte beides in Betracht ziehen. Was auf PSSD hindeutet, ist eine Veränderung im Empfinden Ihrer Genitalien.
Auch eine Depression selbst kann die Sexualität beeinträchtigen. Bei Menschen, die über Jahre begleitet wurden, erhöhte sie laut einer Übersichtsarbeit von 2012 (auf Englisch) das Risiko sexueller Probleme.
Die Autorinnen und Autoren der Kriterien schreiben allerdings, die Veränderungen im genitalen Empfinden „scheinen für PSSD charakteristisch zu sein“. Eine aktuelle psychische Diagnose „steht einer PSSD-Diagnose nicht entgegen“, fügen sie hinzu.
Hat man Ihnen gesagt, das sei alles nur im Kopf? Auch dieses Risiko benennen sie: eine „Fehldiagnose als psychogenes Problem“, also als Problem, das man der Psyche zuschreibt.
Absetzsymptome haben eigene Merkmale, etwa Schwindel oder stromschlagartige Empfindungen, und einen eigenen zeitlichen Verlauf. Laut der Packungsbeilage zu Cipralex (auf Englisch) klingen sie meist innerhalb von zwei Wochen ab, bei manchen Menschen halten sie aber Monate an. Schlägt Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt vor, noch etwas abzuwarten, ist das also vernünftig.
Bei manchen Menschen haben die Veränderungen allerdings noch Jahre nach dem Absetzen angehalten. Wie er mit PSSD lebt, erzählt Jonathan in einem Interview mit Moral Medicine.
Was kann ich tun?
Diese Medikamente helfen vielen Menschen. Wenn Sie Nebenwirkungen haben, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wie es weitergeht. Setzen Sie das Mittel nicht abrupt ab.
Drucken Sie die frei zugänglichen Kriterien (auf Englisch) aus und nehmen Sie eine kurze schriftliche Vorgeschichte mit in die Hausarztpraxis:
- Ihr Medikament: „Sertralin 50 mg ab Januar 2023, letzte Tablette im März 2024.“
- Was sich verändert hat: „Berührung fühlt sich taub an“, „Orgasmus ohne Lustgefühl“.
- Wann es begann: vorher, während der Einnahme oder nach dem Absetzen.
- Wie es vorher war: „Vor 2023 keine Probleme.“
- Wonach man Sie noch fragen wird: andere Medikamente, Verhütung, Alkohol, Diabetes, die Wechseljahre.
Drei Fragen an Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt
- Kennen Sie die Kriterien von 2022 für PSSD?
- Was könnte meine Beschwerden sonst erklären, und wie klären wir das ab?
- Kann PSSD vorerst in meiner Akte vermerkt werden, während wir der Sache nachgehen?
Sie könnten so beginnen: „Meine Beschwerden haben mit einem Antidepressivum begonnen und sind seit dem Absetzen nicht verschwunden. Können wir diese Kriterien gemeinsam durchgehen?“
Viele Betroffene berichten, dass es dauerte, bis man sie ernst nahm. Nehmen Sie die Stelle aus der Packungsbeilage mit, die von Problemen nach dem Absetzen spricht. Melden können Sie es auch ohne ärztliche Zustimmung.
Nebenwirkungen melden: Das hilft allen
Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt festhält, hilft Ihnen. Eine Meldung an die Arzneimittelbehörde hilft allen anderen: So fallen Muster auf.
- Kein Beweis nötig. Ein Verdacht genügt, auch Jahre nach dem Absetzen.
- Wo: in Deutschland beim BfArM, im Vereinigten Königreich über das Yellow-Card-System (auf Englisch), in den USA über MedWatch.
- Die richtigen Worte. Wenn die Beschwerden nach dem Absetzen angehalten haben, schreiben Sie Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction, MedDRA 10086208).
Unsere Anleitung zum Melden führt Sie durch jeden Schritt
Was fragen Betroffene sonst noch?
Brauche ich trotzdem Blutuntersuchungen? Möglicherweise. Die Kriterien verlangen, dass andere medizinische Ursachen ausgeschlossen werden, und dafür können Untersuchungen nötig sein. Grenzwertige Hormonwerte finden sich bei PSSD manchmal, sie „könnten aber eher eine Folge der Erkrankungen als ihre Ursache sein“, merken die Autorinnen und Autoren an. Unauffällige Ergebnisse schließen PSSD nicht aus.
Kann PSSD festgestellt werden, während ich das Mittel noch nehme? Das ist möglich. Bei Menschen, die ihr Antidepressivum nicht absetzen können, „könnte eine vorläufige Diagnose gerechtfertigt sein“, schreiben die Autorinnen und Autoren. Sie müssen es nicht absetzen, bevor Sie das Thema in der Hausarztpraxis ansprechen.
Kann PSSD auch bei Frauen diagnostiziert werden? Ja. Es gelten dieselben Kriterien, und eine Veränderung im genitalen Empfinden zählt genauso. Für Frauen nennen die Kriterien ein weiteres Zeichen, weniger Feuchtigkeit der Scheide, und für alle eine geringere Empfindlichkeit der Brustwarzen. Was Frauen beschreiben, steht in unserem Artikel PSSD bei Frauen.
Für Rosie war es ein Kampf, bis ihre Beschwerden anerkannt wurden. Schreiben Sie zuerst eine Seite über Ihr Medikament und darüber, was sich verändert hat. Nehmen Sie diese Seite zusammen mit den Kriterien und unserer Seite über PSSD mit in die Hausarztpraxis.
Quellen
- Healy D, Bahrick A, Bak M, et al. Diagnostic criteria for enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, finasteride and isotretinoin (auf Englisch). International Journal of Risk & Safety in Medicine, 2022; 33(1): 65-76. Ein Konsens von 37 Autorinnen und Autoren aus zehn Ländern, koordiniert von der McMaster University in Kanada. Entworfen auf Grundlage von zwei veröffentlichten Fallserien (Hogan und Kollegen, 2014; Healy und Kollegen, 2018), die auf Meldungen beruhen, die Menschen von sich aus an RxISK.org geschickt hatten. Danach überarbeitet, „bis Einigkeit erreicht war“. Die Arbeit berichtet von keiner Erprobung der Kriterien an Patientinnen und Patienten. Drei aus dem Autorenteam geben Verbindungen zu RxISK.org an. Frei zugänglich (CC BY-NC 4.0).
- Lundbeck Limited. Packungsbeilage zu Cipralex (Escitalopram) (auf Englisch), electronic Medicines Compendium. Abschnitt 2, zu sexuellen Problemen: „In bestimmten Fällen blieben diese Symptome nach Beendigung der Behandlung bestehen.“ Abschnitt 3: Absetzsymptome klingen meist innerhalb von zwei Wochen ab und halten bei manchen Menschen 2 bis 3 Monate oder länger an.
- Lundbeck Limited. Fachinformation zu Cipralex (auf Englisch), Abschnitt 4.4 (Text überarbeitet im Mai 2025): „Meldungen über lang anhaltende sexuelle Funktionsstörungen, bei denen die Symptome trotz Absetzens fortbestanden“.
- Britisches Parlament. Schriftliche Anfrage HL7363 (auf Englisch), gestellt von Lord Alton of Liverpool am 12. Mai 2025, für das britische Gesundheitsministerium (Department of Health and Social Care) beantwortet von Baroness Merron am 16. Mai 2025. Behandelt die Aktualisierung der Produktinformationen 2019, den MedDRA-Begriff von 2021 und den im Oktober 2024 hinzugefügten SNOMED-Code. Außerdem die Expertengruppe der MHRA dazu, wie Packungsbeilagen das Risiko vermitteln, und die Zuständigkeit der MHRA.
- National Institute for Health and Care Excellence. Depression in adults: treatment and management (NG222) (auf Englisch), 2022, Empfehlung 1.8.3.
- Atlantis E, Sullivan T. Bidirectional association between depression and sexual dysfunction: a systematic review and meta-analysis (auf Englisch). Journal of Sexual Medicine, 2012; 9(6): 1497-507. Sechs prospektive Studien mit 3.285 Menschen, die 2 bis 9 Jahre begleitet wurden.
- Medicines and Healthcare products Regulatory Agency. Yellow Card scheme (auf Englisch): „Jede und jeder kann ein Problem mit einem Medikament melden“.
- MedDRA-Begriff der untersten Ebene (Lowest Level Term) Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (englisch: Post-SSRI sexual dysfunction), Code 10086208 (MedDRA-Version 28.0).
- Moral Medicine. Interview with PSSD Network President Rosie (auf Englisch), YouTube, 9. Juli 2024.
- Moral Medicine. Jonathan’s Experience as a PSSD Sufferer (auf Englisch), YouTube, 15. Januar 2024.
Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.
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