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Taubheitsgefühl im Genitalbereich nach Antidepressiva

Ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich nach Antidepressiva wird leicht für eine Depression gehalten. Doch als Symptom einer Depression gilt es nicht.

Von Morten SkovVeröffentlicht Aktualisiert
Taubheitsgefühl im Genitalbereich nach Antidepressiva

Ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich nach Antidepressiva ist eine belegte Wirkung von SSRI und SNRI. Es kann innerhalb einer Stunde nach der ersten Tablette (auf Englisch) beginnen. Meist verschwindet es, wenn das Medikament abgesetzt wird. Doch bei manchen bleibt es oder beginnt erst nach dem Absetzen. Dann hält man es leicht für eine zurückkehrende Depression oder Angststörung.

Beides auseinanderzuhalten, ist wichtig. Eine Depression kann die Lust nehmen, doch ein Taubheitsgefühl der Genitalien ist kein anerkanntes Symptom einer Depression. David Healy leitete die Arbeit an den Kriterien von 2022 für die sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (PSSD). Mit Dee Mangin schreibt er: „Keine psychische Erkrankung verursacht eine Betäubung der Genitalien“ (auf Englisch). Deshalb werten die Kriterien das Taubheitsgefühl als das Zeichen, das auf das Medikament verweist und nicht auf die Erkrankung.

Wie das Taubheitsgefühl im Genitalbereich nach Antidepressiva beginnt

Die diagnostischen Kriterien von 2022 für PSSD (auf Englisch) sind ein Konsens von 37 Ärztinnen, Ärzten und Forschenden. Laut ihren Autorinnen und Autoren kann sich die Empfindlichkeit im Genitalbereich schon innerhalb einer Stunde nach der ersten Tablette verändern. Das gilt für SSRI und SNRI wie Sertralin, Escitalopram (Lexapro) oder Venlafaxin. Die Veränderung kann unbemerkt bleiben. Eine Messung, wie oft sie vorkommt, nennen die Autorinnen und Autoren nicht.

Betroffene beschreiben zwei Arten von Veränderung. Entweder fühlen sich die Genitalien an wie betäubt, oder Berührung wird noch wahrgenommen, fühlt sich aber an wie eine Berührung irgendwo sonst am Körper.

Seit 2019 steht in europäischen Packungsbeilagen von SSRI und SNRI, dass sexuelle Beschwerden in einigen Fällen nach Beendigung der Behandlung angehalten haben (auf Englisch). Wie oft, steht dort nicht.

Bei manchen, so die Kriterien, zeigt sich ein anhaltendes Problem erst nach dem Absetzen (auf Englisch), oder ein leichtes verschlimmert sich. Eine Fallserie von 2018 mit Meldungen an RxISK (auf Englisch), eine Website zur Arzneimittelsicherheit, enthielt 41 solche Meldungen zu SSRI und verwandten Antidepressiva. Die Probleme hatten erst nach dem Absetzen begonnen oder sich danach deutlich verschlimmert. Das belegt, dass es vorkommt, nicht aber, wie oft.

Auch Frauen finden sich in diesen Meldungen. Ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich kam in 30 der 50 Meldungen von Frauen vor. Auch das zeigt, dass es vorkommt, nicht aber, wie oft. Was Frauen sonst beschreiben, steht in PSSD bei Frauen: sexuelle Nebenwirkungen.

Das Symptom, das eine Depression nicht verursacht

Die naheliegendste Erklärung ist die Erkrankung selbst. In einer Arbeit von 2024 verweisen Healy und Mangin auf Berichte aus der Fachliteratur. Darin wurden die Beschwerden von Patientinnen und Patienten „einer Art fortbestehender psychischer Erkrankung“ zugeschrieben (auf Englisch). Wie oft das geschieht, können solche Berichte nicht sagen.

Für diesen ersten Gedanken gibt es einen nachvollziehbaren Grund: Auch die Depression selbst dämpft die Sexualität. Eine Studie von 1999 (auf Englisch) befragte 134 Menschen mit Depression, die noch kein Antidepressivum nahmen. Über 40 % der Männer und 50 % der Frauen berichteten von weniger Interesse an Sex. Die Studie war klein und hatte keine Vergleichsgruppe ohne Depression. Dennoch: Wer in der Praxis hört, dass die Lust verschwunden ist, denkt mit gutem Grund zuerst an die Erkrankung.

Ein Taubheitsgefühl ist etwas anderes. „Keine psychische Erkrankung verursacht eine Betäubung der Genitalien, während sie eine belegte Wirkung“ dieser Antidepressiva ist, schreiben Healy und Mangin (auf Englisch). In ihrer Fallserie von 2018 ergänzen sie, dass es auch nicht zum Bild einer Angststörung gehört (auf Englisch). Das sind klinische Urteile, keine Studienergebnisse. Die Frage ist also berechtigt, ob Daten in dieselbe Richtung weisen.

Einige schon. Die Befragung der Arbeitsgruppe um Pirani (auf Englisch) ging von einer kanadischen PSSD-Patientenorganisation aus. Sie wertete die Antworten von 2.179 jungen Menschen aus, die Psychopharmaka genommen hatten. Unter denen, die abgesetzt hatten, berichteten 93 von 707 Menschen, die früher Antidepressiva genommen hatten, von einem anhaltenden Taubheitsgefühl im Genitalbereich. Von 102 Menschen, die früher andere Psychopharmaka genommen hatten, war es 1. Der Unterschied blieb bestehen, als die Forschenden die Schwere der Depression berücksichtigten: Die Chance war bei Antidepressiva 14,2-mal höher. Allerdings wurden nur sexuelle und geschlechtliche Minderheiten im Alter von 15 bis 29 Jahren in den USA und Kanada (auf Englisch) befragt. Und das Taubheitsgefühl war selbst berichtet, nicht ärztlich untersucht.

Taubheitsgefühl im Genitalbereich, das nach dem Absetzen anhielt

Hatten Antidepressiva genommen 93 von 70713,2 %
Hatten andere Psychopharmaka genommen 1 von 1020,9 %
Der Unterschied blieb bestehen, als die Schwere der Depression berücksichtigt wurde. Befragt wurden sexuelle und geschlechtliche Minderheiten im Alter von 15 bis 29 Jahren in den USA und Kanada. Eine Häufigkeit für alle liefern die Zahlen also nicht. Quelle: Pirani et al., Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology, online veröffentlicht 2024.

In der Vergleichsgruppe berichtete nur eine einzige Person davon, deshalb ist die Größe des Unterschieds unsicher. Der wahrscheinliche Bereich für diesen Wert von 14,2 reicht laut Studie von 2,92 bis 257. Was die Befragung aber zeigt, ist ein Unterschied, den die Schwere der Depression nicht erklärte.

Die Kriterien von 2022 nennen nur zwei Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen (auf Englisch). Die eine ist eine anhaltende Veränderung des genitalen Empfindens nach dem Absetzen, die andere die Einnahme des Medikaments. Eine Übersichtsarbeit von 2026 (auf Englisch) beruht auf denselben Kriterien, nicht auf neuen Daten. Sie grenzt PSSD von einer zurückkehrenden Depression über „spezifische somatische Symptome wie Taubheitsgefühl im Genitalbereich“ ab. Auch eine psychische Diagnose schließt PSSD nicht aus.

Die Nebenwirkung, die die Fachinformation nicht nennt

Im September 2026 haben wir die britischen Fachinformationen zu sieben SSRI und SNRI geprüft: Escitalopram (auf Englisch), Sertralin (auf Englisch), Citalopram, Fluoxetin, Paroxetin, Venlafaxin und Duloxetin. Alle sieben tragen den Warnhinweis von 2019. Die meisten nennen weniger sexuelles Verlangen und Probleme mit Orgasmus oder Ejakulation, die auch eine Depression mit sich bringen kann. Keine nennt ein Taubheitsgefühl der Genitalien.

Auch manche gängigen Fragebögen zu sexuellen Nebenwirkungen, etwa die Arizona Sexual Experience Scale, fragen nicht nach dem Empfinden im Genitalbereich (auf Englisch). Und die Kriterien warnen, dass sich eine veränderte Empfindung hinter verlorener Lust oder Erregung verbergen kann (auf Englisch).

Wir meinen, diese Lücken wirken zusammen. Jemand sagt, das Interesse an Sex sei verschwunden, und das passt zu einer Depression. Weder die Fachinformation noch der Fragebogen führt zu der Frage, die beides unterscheiden würde: Hat sich das Empfinden selbst verändert? Das Autorenteam von 2022 benennt den Preis: Eine Fehldiagnose als psychisches Problem „kann dazu führen, dass das ursächliche Medikament weiter eingenommen wird“ (auf Englisch).

Setzen Sie kein Medikament ab und ändern Sie nichts an der Einnahme, nur weil es auf dieser Seite steht.

Plötzliches Absetzen eines SSRI oder SNRI kann Absetzsymptome auslösen (auf Englisch), und die behandelte Erkrankung kann zurückkehren. Wenn Sie ein Taubheitsgefühl unter dem Medikament beunruhigt, sagen Sie es Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, und benutzen Sie genau dieses Wort.

Kommt das Gefühl zurück?

Bei den meisten, deren Taubheitsgefühl unter dem Medikament beginnt, verschwindet es nach dem Absetzen. Sexuelle Nebenwirkungen, die unter einem SSRI beginnen, klingen nach Ende der Behandlung in der Regel ab (auf Englisch). Sie können aber noch einige Tage oder Wochen anhalten (auf Englisch). Hält eine Veränderung drei Monate nach dem Absetzen noch an, ist PSSD laut den Kriterien wahrscheinlicher. Diese Marke ist allerdings ein Konsens, keine Frist.

Grant gehört zu denen, bei denen es nicht verschwand. Nach Escitalopram (Lexapro) beschreibt er emotionale Abstumpfung und fehlende Libido, und wie schwer ein normales Leben für ihn geworden ist. Laut den Kriterien treten emotionale Abstumpfung und Taubheitsgefühl im Genitalbereich häufig gemeinsam auf.

Die Geschichte eines einzelnen Mannes kann nicht sagen, wie oft das vorkommt. Wie viele Menschen vollständig genesen, wurde nie richtig untersucht (auf Englisch), und eine etablierte Behandlung gibt es nicht (auf Englisch). David Healy leitete die Arbeit an den Kriterien von 2022. Er hat geschrieben, dass es in manchen Fällen über mehrere Jahre offenbar zu einer gewissen Besserung kommt (auf Englisch). Das ist ein Eindruck, keine Zählung. Für eine Zählung müssten Menschen über Jahre begleitet werden. Das Patientenregister von SIDEfxHUB begleitet die eingetragenen Betroffenen über längere Zeit. Weil sie sich selbst eingetragen haben, kann es zeigen, wie eine Besserung verläuft, aber nicht, wie oft sie eintritt.

Was Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sagen - und wo Sie es festhalten

Wenig Lust passt zur Erkrankung ebenso wie zum Medikament. Benennen Sie deshalb die Veränderung des Empfindens selbst. Halten Sie drei Dinge bereit:

  • Sagen Sie, welche Art von Veränderung es ist. Berührung kann sich gedämpft anfühlen, oder sie kommt an, fühlt sich aber nicht mehr sexuell an.
  • Sagen Sie, wann es begann. Ungefähre Daten reichen. Wichtig ist, ob es unter dem Medikament oder nach dem Absetzen begann.
  • Sagen Sie, wie es vorher war. Die Kriterien setzen voraus, dass dasselbe Problem vor dem Medikament nicht bestand.

PSSD ist Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt womöglich noch nicht begegnet. Vielleicht sollen erst andere Ursachen ausgeschlossen werden, was auch die Kriterien verlangen (auf Englisch). Was Sie zum Termin mitnehmen sollten, erklärt unser Beitrag dazu, wie PSSD diagnostiziert wird.

Melden Sie es dann, in Deutschland beim BfArM. Sie brauchen keine ärztliche Zustimmung, und Sie können auch Jahre nach dem Absetzen melden. Arzneimittelbehörden erfassen jede Meldung unter einem Begriff aus MedDRA, dem medizinischen Wörterbuch für Nebenwirkungen. Für diese Erkrankung gibt es einen eigenen Begriff.

MedDRA-Code 10086208
Englischer Fachbegriff: Post-SSRI sexual dysfunction

Verwenden Sie diesen Begriff, wenn Sie ein SSRI oder SNRI eingenommen haben. Tragen Sie Code und Begriff genau so in das Freitextfeld ein und beschreiben Sie das Taubheitsgefühl danach mit eigenen Worten. „PSSD“ ist der Name, den Betroffene verwenden. Er steht nicht im Wörterbuch, verwenden Sie ihn daher nicht allein. Unsere Anleitung zum Melden deckt das Vereinigte Königreich, die USA und 63 weitere Länder ab.

Eine Depression kann die Lust nehmen. Ein Taubheitsgefühl ist ein anderes Signal, und es verdient im Sprechzimmer einen eigenen Namen. Wenn sich das Empfinden verändert hat, sagen Sie es genau so, melden Sie es und halten Sie im Register fest, wie es weitergeht. Wie oft das Gefühl zurückkommt, hat noch niemand gezählt.

Wenn es Ihnen psychisch schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.

Was hier steht, ersetzt keine ärztliche Beratung. Besprechen Sie Entscheidungen über Ihre Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

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