Gehen sexuelle Nebenwirkungen von SSRI wieder weg?
Sexuelle Nebenwirkungen von SSRI: Bei manchen gehen sie weg, bei anderen nicht. Seit 2019 steht in der Packungsbeilage, dass sie anhalten können.
Bei manchen Menschen gehen sexuelle Nebenwirkungen von SSRI wieder weg, bei anderen nicht. Zu welcher Gruppe Sie gehören, kann Ihnen niemand sagen, weil es nie jemand gezählt hat. Dass es vorkommt, ist unstrittig: Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat 2019 anerkannt (auf Englisch), dass sexuelle Nebenwirkungen auch nach dem Absetzen eines SSRI anhalten können.
Worum es geht
Sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (PSSD) nennt man Beschwerden, die nach dem Absetzen eines SSRI oder SNRI bestehen bleiben. Zu den SSRI zählen Sertralin (Zoloft), Fluoxetin (Prozac), Paroxetin (Paxil, Seroxat) und Citalopram (Celexa). Zu den SNRI zählen Venlafaxin (Effexor) und Duloxetin (Cymbalta). Die Beschwerden können schon während der Einnahme beginnen und danach bleiben. Sie können aber auch erst nach dem Absetzen auftreten. Wie sich das bei Frauen zeigt, steht in PSSD bei Frauen.
- Sexuell
- Taubheitsgefühl im Genitalbereich, Libidoverlust, Erektionsstörungen, ausbleibender oder gedämpfter Orgasmus, Schmerzen im Genitalbereich, verminderte Empfindlichkeit der Brustwarzen
- Emotional
- Emotionale Abstumpfung, das Gefühl, von sich selbst losgelöst zu sein, Depression, Suizidgedanken
- Sinne
- „Weitere sensorische Probleme, die Haut, Geruch, Geschmack oder Sehen betreffen“
- Denken
- Kognitive Beschwerden - von Betroffenen Brain Fog genannt
Diese vier Gruppen stammen aus den diagnostischen Kriterien, die Healy und ein internationales Gremium 2022 veröffentlicht haben (auf Englisch). Gerade bei den letzten beiden hören Betroffene oft, das habe nichts mit dem Medikament zu tun oder sei bloß Angst. Sie stehen trotzdem in den Kriterien.
Es ist anerkannt
2019 forderte die Europäische Arzneimittel-Agentur die Hersteller auf, anhaltende sexuelle Funktionsstörungen in die Packungsbeilagen von SSRI und SNRI aufzunehmen. Die Agentur ist für die gesamte EU zuständig. Health Canada zog 2021 nach. Beides ist bei Healy und Mangin, 2024 (auf Englisch) dokumentiert.
Die Packungsbeilage ist der Zettel, der jeder Packung beiliegt. Hat man Ihnen gesagt, das lege sich immer nach wenigen Wochen? Die Arzneimittelbehörden sehen das anders.
Am 19. Juni 2023 zeigte die BBC in ihrer Reihe Panorama die Folge The Antidepressant Story (auf Englisch). Darin kommen Betroffene selbst zu Wort. Die Folge steht in der BBC-Mediathek iPlayer, abrufbar nur aus Großbritannien.
Wie häufig kommt es vor?
Zwei veröffentlichte Schätzungen, beide aus derselben Übersichtsarbeit von 2024 (auf Englisch):
- Lüning, 2019
- 52,6 % derer, die früher Antidepressiva eingenommen hatten, berichteten von anhaltender sexueller Funktionsstörung
- Ben-Sheetrit, 2023
- 0,46 % Risiko einer irreversiblen sexuellen Funktionsstörung - von den Autorinnen und Autoren selbst als Unterschätzung bezeichnet
- Übereinstimmende Zahl
- Keine
Eins zu zweihundert oder eins zu zwei. Healy und Mangin (auf Englisch) nennen vier Gründe für diese Kluft - und keiner davon lautet, die Symptome seien schwer zu erkennen.
- Die Studie, die Klarheit schaffen würde, wäre unethisch. Niemand darf Freiwilligen ein Medikament in der Erwartung geben, dass es genau das auslöst.
- Es fehlt ein geprüftes Messverfahren. Es gibt keinen anerkannten Fragebogen, also misst jede Studie etwas anderes.
- Betroffene sprechen es nicht an. Manche schämen sich. Manche bringen es einmal zur Sprache, werden abgewimmelt und versuchen es nicht wieder.
- Es wird nicht so erfasst, dass man es wiederfindet. Selbst wenn eine Ärztin oder ein Arzt davon erfährt, findet später niemand, der Fälle zählt, diesen Eintrag.
Nennt Ihnen Ihre Ärztin oder Ihr Arzt eine Wahrscheinlichkeit, fragen Sie nach, worauf diese Zahl beruht.
Die Studie zum Taubheitsgefühl im Genitalbereich
Die Arbeitsgruppe um Pirani befragte 2.179 Menschen, die psychiatrisch behandelt worden waren. Die Studie erschien 2024 online und 2025 gedruckt in Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology (auf Englisch).
- Frühere Antidepressiva-Einnahme
- 13,2 % berichteten von anhaltendem Taubheitsgefühl im Genitalbereich (93 von 707)
- Andere Psychopharmaka
- 0,9 % (1 von 102)
- Bereinigtes Chancenverhältnis
- 14,2-fach höher
Eine Einschränkung fällt ins Gewicht: Ausgewertet wurde nur eine Teilstichprobe aus UnACoRN (auf Englisch). Das ist eine Befragung sexueller und geschlechtlicher Minderheiten im Alter von 15 bis 29 Jahren in den USA und Kanada. Eine Häufigkeit für die Gesamtbevölkerung lässt sich daraus nicht ableiten. Die Studie zeigt etwas anderes: wie groß der Unterschied zwischen zwei Gruppen bei einer einzigen Frage ausfällt.
Warum es niemand gezählt hat
Arzneimittelbehörden speichern nicht Ihre Worte, sondern einen MedDRA-Code. Wird ein Fall unter einem allgemeinen Code wie „sexuelle Funktionsstörung“ erfasst, findet ihn niemand wieder, der nach diesem Muster sucht.
Dabei gibt es einen eigenen Begriff: Sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (Post-SSRI sexual dysfunction), Code 10086208. Healy und Mangin berichten, dieser Begriff „scheint von den Arzneimittelbehörden nicht übernommen worden zu sein“ (auf Englisch).
Das Wörterbuch kennt den Begriff. Die Systeme, die zählen, nutzen ihn nicht.
MedDRA-Code 10086208
Englischer Fachbegriff: Post-SSRI sexual dysfunction
Verwenden Sie diesen Begriff, wenn Sie ein SSRI oder SNRI eingenommen haben. Tragen Sie Code und Begriff genau so in das Freitextfeld ein und beschreiben Sie Ihre Beschwerden danach mit eigenen Worten. „PSSD“ ist die Bezeichnung der Betroffenen und steht nicht im Wörterbuch. Verwenden Sie sie deshalb nicht allein. Unsere Anleitung zum Melden deckt das Vereinigte Königreich, die USA und 63 weitere Länder ab.
Was Sie tun können
- Melden Sie es. Unsere Anleitung zum Melden führt Sie durch das Formular Ihres Landes. In Deutschland ist das BfArM zuständig. Keine Ärztin und kein Arzt muss Ihnen zustimmen, und Sie brauchen keinen Beweis. Melden können Sie auch noch Jahre nach dem Absetzen.
- Tragen Sie sich ins Patientenregister (auf Englisch) ein. Eine Meldung hält eine Reaktion einmal fest. Das Register begleitet einen Menschen über die Zeit - und genau das braucht die Forschung.
- Hören Sie, wie jemand anderes es beschreibt. Benjamin aus dem Film oben lebt seit vierzehn Jahren damit. Über Ihren Verlauf sagt das nichts. Es zeigt aber, dass die Auskunft, das lege sich rasch, nicht immer stimmt. Weitere Interviews finden Sie in unseren Erfahrungsberichten.
Niemand kann Ihnen eine Genesung versprechen. Und niemand kann Ihnen sagen, dass es bleibt. Beides kommt vor. Wer Ihnen eine Prozentzahl nennt, geht über das hinaus, was bisher veröffentlicht wurde.
Ändern kann sich die Datenlage. Doch solange Meldungen nicht unter einem zählbaren Begriff eingehen, bleibt die Spanne so groß.
Wenn es Ihnen psychisch schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Was hier steht, ersetzt keine ärztliche Beratung. Besprechen Sie Entscheidungen über Ihre Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
570+ Betroffene haben sich ins Register eingetragen.
Tragen Sie sich ein und melden Sie Ihre Nebenwirkungen.
- Machen Sie Ihre Erkrankung sichtbar
- Erfahren Sie als Erste von Studien, an denen Sie teilnehmen können
- Melden Sie danach Ihre Nebenwirkungen Ihrer Arzneimittelbehörde