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Antidepressiva: Können Sexualprobleme anhalten?

Antidepressiva dämpfen oft die Lust oder erschweren Orgasmus und Erektion. Der NHS warnt, dass das nach dem Absetzen anhalten kann. Dann heißt es PSSD.

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Von Morten SkovVeröffentlicht Aktualisiert
Antidepressiva: Können Sexualprobleme anhalten?

Antidepressiva verursachen oft sexuelle Probleme, etwa wenig Lust auf Sex, Orgasmusstörungen, Scheidentrockenheit oder Erektionsstörungen. Der britische Gesundheitsdienst NHS (auf Englisch) warnt, dass sie nach dem Absetzen anhalten können. Halten sie an, spricht man von einer sexuellen Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (PSSD).

Das Kernsymptom von PSSD, ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich, fehlt auf der Liste des NHS ganz. Und in einer Studie sprachen die meisten Menschen mit sexuellen Problemen diese erst an, als Ärztinnen oder Ärzte danach fragten.

Das Wichtigste in drei Punkten

  1. Sexuelle Probleme unter Antidepressiva sind häufig, doch in einer Studie sprachen die meisten sie erst an, als Ärztinnen oder Ärzte fragten (Studie, auf Englisch).
  2. Der NHS warnt, dass sie nach dem Absetzen anhalten können (NHS, auf Englisch).
  3. Wie oft das passiert, hat niemand gemessen. Halten die Probleme an, spricht man von PSSD. Das wichtigste Zeichen dafür ist eine veränderte Empfindung im Genitalbereich (Kriterien, auf Englisch).

Presse: contact@sidefxhub.com

Emily setzte ein SSRI auf ärztliche Empfehlung rasch ab. Etwa drei Wochen später wachte sie auf, und jede sexuelle Empfindung war verschwunden.

Emily in einem Film, den die Patientengruppe PSSD Canada im Februar 2022 veröffentlicht hat (auf Englisch). Ab 0:30 beschreibt sie, wie die Empfindung im Genitalbereich verschwand. Bei 3:40 erzählt sie, warum so viele Menschen schweigen.

Mehr als ein Jahr später war das Gefühl nicht zurückgekehrt, und die Ärztinnen und Ärzte, die sie aufsuchte, konnten es sich nicht erklären. Schon darüber zu reden, fiel ihr schwer. „Es ist so peinlich, das anzusprechen“, sagt sie.

Welche sexuellen Probleme können Antidepressiva verursachen?

Sie können jede Phase beim Sex beeinflussen: Verlangen, Erregung, Orgasmus und bei Männern die Ejakulation. Die britische Packungsbeilage zu Sertralin (auf Englisch) führt eine ausbleibende Ejakulation als sehr häufig auf, weniger sexuelles Interesse und Erektionsstörungen als häufig.

Betroffene beschreiben zwei weitere Veränderungen. Ein Orgasmus ist zwar noch möglich, bringt aber kaum noch ein Lustgefühl. Und der Genitalbereich kann sich taub anfühlen, wie nach einer örtlichen Betäubung.

Eine Berührung dort kann sich anfühlen wie eine Berührung irgendwo sonst am Körper. So beschreiben es die Ärztinnen, Ärzte und Forschenden hinter den Diagnosekriterien für PSSD von 2022 (auf Englisch).

In einem Film der Mayo Clinic erklärt die Psychologin und Sexualtherapeutin Jordan Rullo in weniger als einer Minute, wie sich die Mittel bei Frauen auswirken.

Mayo Clinic, Oktober 2016 (auf Englisch). Bei 0:23 rät sie, offen mit den Ärztinnen und Ärzten zu reden, die das Mittel verschreiben, denn viele tun das nicht. Der Ausschnitt endet bei 0:48, bevor sie auf Wege eingeht, mit den Wirkungen umzugehen. Wir empfehlen keinen davon.

Warum sprechen so wenige darüber?

Oft fragt niemand. In einer spanischen Studie (auf Englisch) mit Menschen, die SSRI nahmen, erwähnten weniger als 2 von 10 von sich aus ein sexuelles Problem. Als Ärztinnen und Ärzte dieselben Menschen direkt fragten, hatten fast 6 von 10 eines.

Ein Grund ist Scham, sagen die Forschenden David Healy und Dee Mangin (auf Englisch). Außerdem benennen Menschen es unterschiedlich: Männer sprechen manchmal von Erektionsstörungen, Frauen beschreiben es oft als Libidoverlust. Und eine veränderte Empfindung im Genitalbereich oder ein anderes Gefühl beim Orgasmus sprechen Menschen nicht immer an, solange niemand direkt danach fragt.

Manche bringen es gar nicht mit den Tabletten in Verbindung. Katie begann mit 21, Fluoxetin zu nehmen. Erst mehr als zehn Jahre später erkannte sie, dass das Medikament hinter ihren Beschwerden steckte. Jahrelang hatte sie geglaubt, mit ihr stimme etwas nicht.

Katie im Interview mit Moral Medicine, Mai 2026 (auf Englisch). Sie lebt seit etwa 14 Jahren mit den Beschwerden. Katies Geschichte steht auch auf unserer Website.

Können sexuelle Probleme nach dem Absetzen von Antidepressiva anhalten?

Ja, bei manchen Menschen. 2019 verlangte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) einen Warnhinweis (auf Englisch) für jedes SSRI und SNRI. In der britischen Packungsbeilage zu Sertralin steht inzwischen: „In bestimmten Fällen blieben diese Symptome nach Beendigung der Behandlung bestehen.“

Betroffene und Forschende nennen das PSSD. Bei manchen beginnen die Beschwerden erst nach der letzten Tablette, so wie Emilys Taubheitsgefühl.

Die Kriterien von 2022 setzen eine anhaltende Veränderung der Empfindung im Genitalbereich voraus. Die Fachleute dahinter rechnen damit, dass die Wirkungen einige Tage oder Wochen nachklingen. Sind die Probleme drei Monate nach dem Absetzen noch da, ist PSSD wahrscheinlicher.

Wie oft das vorkommt, hat niemand gemessen. Zwei Fragebögen, mit denen Forschende arbeiten, fragen nicht einmal nach der Empfindung im Genitalbereich, merken Healy und Mangin an.

Der Psychiater Jonathan Alpert sagte gegenüber PolitiFact (auf Englisch), die Forschung sei „überschaubar und von unterschiedlicher Qualität“. Ein anderer Psychiater, Michael Ziffra, erklärte, nach seiner Erfahrung klängen die Nebenwirkungen bei den meisten innerhalb weniger Wochen oder Monate nach dem Absetzen ab.

Bei manchen Menschen haben die Probleme nach dem Absetzen jahrelang angehalten. Noch weiß niemand, wen es treffen wird und ob sie nachlassen.

Nach der letzten Tablette: wann anhaltende Probleme auf PSSD hindeuten

Während der Einnahme
Häufige NebenwirkungenWenig Lust, verzögerter oder ausbleibender Orgasmus, Erektionsstörungen.
Tage bis Wochen nach dem Absetzen
Ein gewisses Nachklingen ist zu erwartenDie Wirkungen brauchen manchmal eine Weile, bis sie abklingen.
Drei Monate nach dem Absetzen
Noch da: eher PSSDVor allem bei einer veränderten Empfindung im Genitalbereich.
Jahre
Von manchen berichtetWie oft, hat niemand gezählt.
Quellen: Healy et al., Diagnosekriterien, 2022; Healy und Mangin, 2024.

Was kann ich tun?

Diese Medikamente helfen vielen Menschen. Wenn Sie Nebenwirkungen haben, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wie es weitergeht. Setzen Sie das Mittel nicht abrupt ab.

Sprechen Sie jede Veränderung an, auch wenn es unangenehm ist, und benennen Sie das Symptom genau. Ist es seit dem Absetzen nicht besser geworden? Dann zeigen Sie Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt den Satz aus der Packungsbeilage über Beschwerden, die nach dem Absetzen angehalten haben.

Schreiben Sie vor dem Termin diese fünf Dinge auf:

1
Ihr Medikament

„Sertralin 50 mg ab Januar 2023, letzte Tablette im März 2024.“

2
Was sich verändert hat

„Berührung fühlt sich taub an“, „Orgasmus ohne Lustgefühl“.

3
Wann es begann

Vorher, während der Einnahme oder nach dem Absetzen.

4
Wie es vorher war

„Vor 2023 keine Probleme.“

5
Wonach man Sie noch fragen wird

Andere Medikamente, Verhütung, Alkohol, Diabetes, die Wechseljahre.

Für den Termin in der Hausarztpraxis oder dort, wo Ihnen das Mittel verschrieben wurde. Gestützt auf die Diagnosekriterien von 2022.

Viele Betroffene berichten, dass es dauerte, bis man sie ernst nahm. Melden können Sie es auch, wenn keine Ärztin und kein Arzt zustimmt.

Nebenwirkungen melden: Das hilft allen

Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt festhält, hilft Ihnen. Eine Meldung an die Arzneimittelbehörde hilft allen anderen: So fallen Muster auf.

  • Kein Beweis nötig. Ein Verdacht genügt, auch Jahre nach dem Absetzen.
  • Wo: in Deutschland beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), im Vereinigten Königreich über das Yellow-Card-System (auf Englisch), in den USA über MedWatch (auf Englisch).
  • Die richtigen Worte. Wenn die Beschwerden nach dem Absetzen angehalten haben, schreiben Sie Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (englisch: Post-SSRI sexual dysfunction, MedDRA 10086208).

Unsere Anleitung zum Melden führt Sie durch jeden Schritt

Häufige Fragen

Kann es auch an der Depression liegen? Eine Depression selbst dämpft oft das sexuelle Verlangen. In einer kleinen Studie (auf Englisch) unter Menschen mit Depression, die kein Antidepressivum nahmen, hatte fast die Hälfte weniger Interesse an Sex. Ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich ist etwas anderes. In einer Umfrage (auf Englisch) unter Menschen aus einem PSSD-Forum hing es nicht mit den Werten für Depression oder Angst zusammen.

Woran erkenne ich, ob es PSSD ist? Die Kriterien von 2022 verlangen eine anhaltende Veränderung der Empfindung im Genitalbereich nach dem Absetzen, und andere Ursachen müssen ausgeschlossen sein. Auch eine teilweise Besserung zählt: Kommt der Orgasmus zurück, „fühlt sich aber nicht mehr genauso an“, werten die Fachleute das trotzdem als PSSD. Mehr dazu erklärt unsere Seite Wie wird PSSD diagnostiziert?

Betrifft es auch Frauen? Ja. In Meldungen über anhaltende Probleme (auf Englisch) an die Website zur Arzneimittelsicherheit RxISK beschrieben Frauen dieselben Kernsymptome wie Männer. Dazu gehören ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich und Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu kommen. Unsere Seite PSSD bei Frauen erklärt, warum ihre Beschwerden übersehen oder für eine geringe Libido gehalten werden können.

Emily hat vor der Kamera über etwas gesprochen, das nach ihrem Eindruck viele für sich behalten. Wenn Ihnen vertraut vorkommt, was sie beschreibt, schreiben Sie auf, was sich verändert hat und wann. Nehmen Sie die Liste mit zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Quellen

  1. NHS, Antidepressants (auf Englisch): häufige Nebenwirkungen, darunter Probleme mit der Sexualität, die „nach dem Absetzen von Antidepressiva anhalten können“. Seite zuletzt geprüft am 12. Juni 2025.
  2. Lustral (Sertralin), britische Packungsbeilage (auf Englisch), Abschnitte 2 („Sexual problems“) und 4, zuletzt überarbeitet im Dezember 2025. Electronic Medicines Compendium.
  3. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), PRAC, recommendations on signals adopted at the 13-16 May 2019 meeting (auf Englisch), EMA/PRAC/265212/2019, Abschnitt 1.3: Warnhinweis für sechs SSRI (Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin) und vier SNRI (Duloxetin, Venlafaxin, Desvenlafaxin, Milnacipran), angenommen am 16. Mai 2019.
  4. Montejo-González AL, Llorca G, Izquierdo JA et al. SSRI-induced sexual dysfunction: fluoxetine, paroxetine, sertraline, and fluvoxamine in a prospective, multicenter, and descriptive clinical study of 344 patients (auf Englisch). J Sex Marital Ther 1997;23(3):176-94. Ambulante Patientinnen und Patienten in Spanien, deren Sexualfunktion vor der Behandlung normal war; 14 % nannten ein sexuelles Problem von sich aus, 58 % auf direkte Nachfrage. Keine Placebogruppe; der Fragebogen stammte von den Autoren selbst.
  5. Healy D, Mangin D. Post-SSRI sexual dysfunction: barriers to quantifying incidence and prevalence (auf Englisch). Epidemiol Psychiatr Sci 2024;33:e40. Dazu, wie Männer und Frauen es beschreiben, zur Scham und dazu, dass die Arizona Sexual Experience Scale und der Changes in Sexual Functioning Questionnaire nicht nach der Empfindung im Genitalbereich fragen.
  6. Healy D, Bahrick A, Bak M et al. Diagnostic criteria for enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, finasteride and isotretinoin (auf Englisch). Int J Risk Saf Med 2022;33(1):65-76. Ein Konsens von Fachleuten. Notwendige Kriterien: eine frühere Behandlung mit einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und eine anhaltende Veränderung der Empfindung im Genitalbereich nach dem Absetzen; ein Nachklingen über Tage oder Wochen ist zu erwarten, nach drei Monaten ist PSSD wahrscheinlicher.
  7. Healy D, Le Noury J, Mangin D. Enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, 5α-reductase inhibitors and isotretinoin: 300 cases (auf Englisch). Int J Risk Saf Med 2018;29(3-4):125-134. Meldungen an RxISK; von 50 Frauen nach einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer beschrieben 30 ein Taubheitsgefühl im Genitalbereich und 30 Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu kommen. Eine Zählung von Schilderungen, keine Rate.
  8. Kennedy SH, Dickens SE, Eisfeld BS, Bagby RM. Sexual dysfunction before antidepressant therapy in major depression (auf Englisch). J Affect Disord 1999;56(2-3):201-8. 134 Menschen mit einer Major Depression, die keine Medikamente nahmen: Über 40 % der Männer und 50 % der Frauen gaben ein geringeres sexuelles Interesse an. Keine Vergleichsgruppe ohne Depression.
  9. Ben-Sheetrit J, Aizenberg D, Csoka AB et al. Post-SSRI sexual dysfunction: clinical characterization and preliminary assessment of contributory factors and dose-response relationship (auf Englisch). J Clin Psychopharmacol 2015;35(3):273-8. Online-Umfrage, Teilnehmende über ein PSSD-Forum gewonnen; die genitale Anästhesie hing nicht mit Depression oder Angst zusammen.
  10. PolitiFact, What we know about sexual function after antidepressants (auf Englisch), 31. Juli 2026, von Grace Abels. Dr. Jonathan Alpert (Albert Einstein College of Medicine) per E-Mail: „Die vorhandene Literatur ist überschaubar und von unterschiedlicher Qualität“. Dr. Michael Ziffra (Northwestern University), wiedergegeben von PolitiFact: Sexuelle Nebenwirkungen verschwinden bei den meisten innerhalb von Wochen oder Monaten nach dem Absetzen; das stützt er auf seine klinische Erfahrung.
  11. MHRA, Suspect you have experienced a side effect or incident from a healthcare product? (auf Englisch), 6. November 2023: „Sie müssen nicht beweisen“, dass das Medikament die Ursache war.
  12. Videos: PSSD Canada, Emily’s experience with PSSD (auf Englisch), 27. Februar 2022; Mayo Clinic, Dr. Jordan Rullo discusses antidepressants and sexual dysfunction (auf Englisch), 5. Oktober 2016; Moral Medicine, I Lost My Sexual Identity After Prozac (auf Englisch), 26. Mai 2026.

Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.

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