Ist PSSD real? Was die Packungsbeilagen sagen
PSSD fehlt noch in den Diagnosehandbüchern. Doch seit 2019 warnen britische und EU-Packungsbeilagen: Sexuelle Probleme durch SSRI können anhalten.
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Ja, das Problem ist dokumentiert, auch wenn PSSD in den Diagnosehandbüchern, mit denen Ärztinnen und Ärzte arbeiten, noch nicht steht. Seit 2019 warnen Packungsbeilagen im Vereinigten Königreich und in der EU, dass sexuelle Nebenwirkungen von SSRI-Antidepressiva nach dem Absetzen anhalten können. Und die Arzneimittelbehörden haben einen Namen dafür: sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme.
PSSD ist mehr als sexuelle Probleme, auch wenn der Name es nahelegt. Im Kern steht ein anhaltend verändertes Empfinden im Genitalbereich, oft ein Taubheitsgefühl. Die Kriterien von 2022 (auf Englisch) beschreiben außerdem emotionale Abstumpfung, Schwierigkeiten beim klaren Denken und Veränderungen bei anderen Sinnen.
Hat man Ihnen gesagt, PSSD gebe es gar nicht, können Sie diesen Warnhinweis vorzeigen. Im Vereinigten Königreich steht er in der Packungsbeilage jedes SSRI, etwa von Sertralin oder Citalopram. So lässt er sich leicht in die Hausarztpraxis mitnehmen.
Was steht in der Packungsbeilage zu PSSD?
Dort steht, dass die sexuellen Nebenwirkungen nach dem Absetzen manchmal angehalten haben. Cipralex ist ein britischer Markenname von Escitalopram, das in den USA als Lexapro verkauft wird. In der britischen Packungsbeilage zu Cipralex (auf Englisch) steht es in einem einzigen Satz: „In bestimmten Fällen blieben diese Symptome nach Beendigung der Behandlung bestehen.“
Dieser Satz geht auf die EU zurück. 2019 forderte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) für zehn SSRI und SNRI einen Warnhinweis (auf Englisch). Laut britischer Regierung wurde dieselbe Änderung im Vereinigten Königreich für alle SSRI vorgenommen.
Auch der britische Gesundheitsdienst NHS sagt das. Auf seiner Seite zu den Nebenwirkungen von Antidepressiva (auf Englisch) heißt es zu sexuellen Problemen: „Bei manchen Menschen können diese Probleme nach dem Absetzen von Antidepressiva anhalten.“ Den Namen PSSD nennen bisher weder die NHS-Seite noch die Packungsbeilage. Im Oktober 2026 teilte die MHRA, die britische Arzneimittelbehörde, mit (auf Englisch), der Begriff werde in die Packungsbeilagen der betroffenen Antidepressiva aufgenommen.
Rosie nahm 2020 einige Monate lang Escitalopram. 2024 war sie Präsidentin des PSSD Network, einer Patientenorganisation. Damals erzählte sie dem YouTube-Kanal von Moral Medicine, sie habe sich nie davon erholt. Das Interview ist auf Englisch. Darin erzählt sie, wie mühsam es war, bis Ärztinnen und Ärzte ihre Beschwerden anerkannten. In einem Text für das PSSD Network schrieb sie, sie fühle sich „wie hinter Glas gefangen“.
Ist PSSD als Diagnose anerkannt?
Noch nicht. PolitiFact, eine US-amerikanische Faktencheck-Website, hat das im Juli 2026 untersucht (auf Englisch). Das Ergebnis: PSSD steht weder im DSM, dem amerikanischen Handbuch der Psychiatrie, noch in der ICD, dem Krankheitsverzeichnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Das DSM kommt dem nahe. In seiner Ausgabe von 2013 heißt es, in manchen Fällen könnten sexuelle Probleme, die SSRI ausgelöst haben, „nach dem Absetzen des Wirkstoffs fortbestehen“. Einen Namen gibt das DSM ihnen aber nicht.
Zwei Kodiersysteme haben dagegen einen Eintrag dafür. Seit 2021 führt MedDRA, das Wörterbuch, mit dem Arzneimittelbehörden Meldungen über Nebenwirkungen ordnen, den Begriff Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction). Für die Patientenakten des NHS gibt es seit Oktober 2024 einen eigenen Code für anhaltende sexuelle Probleme nach dem Absetzen eines SSRI.
2025 fragte ein Mitglied des britischen Oberhauses die Regierung, ob sie PSSD als Erkrankung anerkennen wolle. Die Antwort (auf Englisch) nannte den Warnhinweis in der Packungsbeilage und beide Codes. Außerdem hieß es darin, PSSD klinisch anzuerkennen, sei nicht Aufgabe der britischen Arzneimittelbehörde MHRA.
PSSD in offiziellen Texten
Warum sagen manche, PSSD gebe es nicht?
Vor allem, weil es wenig Forschung gibt. Laut PolitiFact stammen die meisten Belege aus Fallberichten, die schildern, was einzelnen Patientinnen und Patienten passiert ist. Über die Ursache ist wenig bekannt.
Forschende in Italien und im Vereinigten Königreich suchten 2023 für eine Übersichtsarbeit (auf Englisch) nach allen Studien, die sie finden konnten. Sie konnten weder klären, wie oft PSSD vorkommt, noch belegen, dass die Medikamente PSSD auslösen. Ausschließen konnten sie aber auch nicht, dass die Probleme nach dem Absetzen anhalten.
„Die vorhandene Literatur ist überschaubar und von unterschiedlicher Qualität“, sagte der US-Psychiater Jonathan Alpert zu PolitiFact.
Die Ärztinnen, Ärzte und Forschenden, die 2022 Kriterien für die Diagnose von PSSD (auf Englisch) aufgestellt haben, sehen noch eine andere Lücke. Erkrankungen wie PSSD seien „wenig bekannt und von Fachleuten im Gesundheitswesen kaum verstanden“, schreiben sie. Unser Artikel darüber, wie PSSD diagnostiziert wird, erklärt die Kriterien.
Dieser kurze Clip ist Hintergrund, kein Beleg: Joanna Moncrieff, Professorin für Psychiatrie am University College London (UCL), erklärt, warum viele Ärztinnen und Ärzte PSSD womöglich nicht kennen. Er ist auf Englisch.
Was kann ich tun?
Diese Medikamente helfen vielen Menschen. Wenn Sie Nebenwirkungen haben, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wie es weitergeht. Setzen Sie das Mittel nicht abrupt ab.
Wenn Sie glauben, PSSD zu haben, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt und nennen Sie die genauen Zeiträume: „Escitalopram 10 mg ab Januar 2023, letzte Tablette im März 2024.“ Beschreiben Sie jede Veränderung, auch die jenseits der Sexualität, etwa wenn Sie sich emotional abgestumpft fühlen oder nicht mehr klar denken können. Sie können darum bitten, dass PSSD in Ihrer Akte vermerkt wird. Im britischen NHS gibt es dafür einen eigenen Code.
Drei Fragen für die Hausarztpraxis
- Kennen Sie den Satz in der Packungsbeilage, dass Symptome nach dem Absetzen anhalten können?
- Kann das in meiner Akte vermerkt werden? Im britischen NHS gibt es dafür einen eigenen Code.
- Welche anderen Ursachen sollten wir prüfen, und wie geht es weiter?
Sie könnten so beginnen: „In meiner Packungsbeilage steht, dass diese Symptome nach dem Absetzen anhalten können. Ich glaube, das ist bei mir passiert.“
Viele sagen, es habe gedauert, bis sie ernst genommen wurden. Sie können es auch melden, ohne dass eine Ärztin oder ein Arzt zustimmt.
Melden Sie es: Das hilft allen
Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt notiert, hilft Ihnen. Eine Meldung an die Arzneimittelbehörde hilft allen anderen: So fallen Muster auf.
- Kein Beweis nötig. Ein Verdacht genügt, auch Jahre nach dem Absetzen.
- Wo: in Deutschland beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), im Vereinigten Königreich über das Yellow-Card-System (auf Englisch), in den USA über MedWatch. Unsere Yellow-Card-Anleitung für PSSD zeigt jeden Schritt des britischen Systems.
- Die richtigen Worte. Wenn die Beschwerden nach dem Absetzen angehalten haben, schreiben Sie Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction, MedDRA 10086208).
Unsere Anleitung zum Melden zeigt Ihnen, wie es geht
Neu beim Yellow-Card-System? Dieses Video des NHS erklärt, wie das britische System funktioniert. Es ist auf Englisch und gilt für Meldungen im Vereinigten Königreich; in Deutschland melden Sie beim BfArM.
Was wird sonst noch oft gefragt?
Kann PSSD dauerhaft sein? Bei manchen Menschen hat es nach dem Absetzen Jahre angehalten. Noch weiß niemand, wen es trifft und ob es nachlässt. Als Rosie 2024 darüber sprach, hielten ihre Beschwerden schon etwa vier Jahre an. Die Kriterien von 2022 setzen keine Obergrenze dafür, wie lange PSSD anhalten kann.
Ist PSSD in den USA anerkannt? Teilweise. In der FDA-Fachinformation zu Prozac (auf Englisch) steht seit 2011, dass sexuelle Symptome „nach dem Absetzen gelegentlich fortbestehen“. Einen Warnhinweis für jedes SSRI und SNRI hat die US-Arzneimittelbehörde FDA nicht verlangt. Einzelheiten stehen in unserem Artikel darüber, was Arzneimittelbehörden über PSSD sagen.
Ist das nicht einfach die Depression? Eine Depression an sich hängt mit sexuellen Problemen zusammen, so eine Übersichtsarbeit von 2012 (auf Englisch). Die Kriterien von 2022 berücksichtigen das: Sie fragen, wie das Sexualleben vor dem Medikament war, und schließen andere Ursachen aus. Ihr wichtigstes Zeichen ist ein verändertes Empfinden im Genitalbereich, etwa ein Taubheitsgefühl, das nach dem Absetzen bleibt.
Sie können mit zwei Zeilen anfangen: mit dem Warnhinweis aus der Packungsbeilage für den Termin in der Hausarztpraxis und mit dem MedDRA-Begriff für Ihre Meldung. Presseanfragen: contact@sidefxhub.com.
Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.
Quellen
- PolitiFact. Abels G. What we know about sexual function after antidepressants (auf Englisch), 31. Juli 2026. Ein erklärender Artikel, kein bewerteter Faktencheck. PSSD steht weder im DSM, dem Handbuch der American Psychiatric Association, noch in der ICD der WHO. Zitiert wird Dr. Jonathan Alpert, Psychiater und Professor am Albert Einstein College of Medicine in New York.
- Lundbeck Limited. Cipralex (Escitalopram), Packungsbeilage (auf Englisch), Vereinigtes Königreich, Electronic Medicines Compendium (EMC 7718), zuletzt überarbeitet im Mai 2025. Abschnitt 2, „Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen“. Zitiert im amtlichen deutschen Wortlaut desselben EU-Warnhinweises.
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), PRAC. Recommendations on signals adopted at the 13-16 May 2019 PRAC meeting (auf Englisch), angenommen am 16. Mai 2019 (EPITT 19277). SSRI: Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin. SNRI: Duloxetin, Venlafaxin, Desvenlafaxin, Milnacipran. Geprüfte Belege: EudraVigilance, die Fachliteratur, soziale Medien und die kumulativen Übersichten der Unternehmen.
- NHS. Side effects of antidepressants (auf Englisch), zuletzt geprüft am 12. Juni 2025.
- Britisches Parlament. Schriftliche Anfrage HL7363 (auf Englisch), gestellt von Lord Alton of Liverpool am 12. Mai 2025, für das britische Gesundheitsministerium (Department of Health and Social Care) beantwortet von Baroness Merron am 16. Mai 2025. Die Produktinformationen aller SSRI wurden 2019 aktualisiert; der Begriff kam 2021 in „das regulatorische Wörterbuch“; im Oktober 2024 kam ein SNOMED-Code für anhaltende sexuelle Funktionsstörungen nach dem Absetzen eines SSRI hinzu; die klinische Anerkennung liege „außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der MHRA“.
- MedDRA-Begriff der untersten Ebene (Lowest Level Term) Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (englisch: Post-SSRI sexual dysfunction), Code 10086208, unter dem bevorzugten Begriff (Preferred Term) Sexual dysfunction (MedDRA-Version 28.0).
- American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, fifth edition (DSM-5), 2013, substanz- oder medikamenteninduzierte sexuelle Funktionsstörung: „In manchen Fällen kann eine durch Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ausgelöste sexuelle Funktionsstörung nach dem Absetzen des Wirkstoffs fortbestehen.“ Zitiert nach Healy D, Le Noury J, Mangin D. Enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, 5α-reductase inhibitors and isotretinoin: 300 cases (auf Englisch). Int J Risk Saf Med 2018;29(3-4):125-34, und nach PolitiFact (Quelle 1).
- Tarchi L, Merola GP, Baccaredda-Boy O et al. Selective serotonin reuptake inhibitors, post-treatment sexual dysfunction and persistent genital arousal disorder: a systematic review (auf Englisch). Pharmacoepidemiol Drug Saf 2023;32(10):1053-67. Universitäten Florenz und Southampton. Zwei retrospektive Interventionsstudien, sechs Beobachtungsstudien und 11 Fallberichte; keine verlässliche Schätzung der Prävalenz; Ursache und Wirkung „ließen sich nicht feststellen“; ein Fortbestehen „ließ sich nicht völlig ausschließen“.
- Healy D, Bahrick A, Bak M et al. Diagnostic criteria for enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, finasteride and isotretinoin (auf Englisch). Int J Risk Saf Med 2022;33(1):65-76. Die Kriterien setzen keine Obergrenze dafür, wie lange diese Erkrankungen anhalten können.
- Prozac (Fluoxetin), FDA-Fachinformation (auf Englisch), DailyMed, US National Library of Medicine: „Symptome einer sexuellen Funktionsstörung bestehen nach dem Absetzen der Behandlung mit Fluoxetin gelegentlich fort.“ Die FDA genehmigte den Satz mit einem Genehmigungsschreiben zur Änderung (auf Englisch) vom 15. Juni 2011.
- Atlantis E, Sullivan T. Bidirectional association between depression and sexual dysfunction: a systematic review and meta-analysis (auf Englisch). J Sex Med 2012;9(6):1497-507.
- Moral Medicine. Interview with PSSD Network President Rosie (auf Englisch), YouTube, 9. Juli 2024. Rosie nahm Escitalopram von August bis Dezember 2020; im Interview sagt sie, sie habe sich nie davon erholt. Rosies eigener Bericht: PSSD Network, patient spotlight: Rosie (auf Englisch). Unsere Seite zum Interview: Interview mit Rosie, Präsidentin des PSSD Network.
- PSSD Network. Professor Joanna Moncrieff discusses Post-SSRI Sexual Dysfunction (auf Englisch), YouTube, Juni 2026.
- NHS Black Country Integrated Care Board. What is the Yellow Card Scheme? (auf Englisch), Medicine Safety Week, YouTube, 4. November 2021.
- MHRA, Antidepressants: new safety measures for all patients to improve communication of the risk of suicidal thoughts and behaviours and persistent sexual dysfunction (auf Englisch), Drug Safety Update, 15. Oktober 2026. „Der Begriff ‚Post SSRI Sexual Dysfunction‘ (‚PSSD‘) wird in die Packungsbeilagen von Antidepressiva aufgenommen, die mit einem Risiko für sexuelle Funktionsstörungen verbunden sind, die auch nach dem Absetzen des Arzneimittels anhalten können.“ Fußnote 1 nennt Citalopram, Escitalopram, Duloxetin, Fluvoxamin, Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin, Venlafaxin, Amitriptylin und Nortriptylin. Am 21. Oktober 2026 enthielten die britischen Packungsbeilagen zu Cipralex (Escitalopram) und Lustral (Sertralin) im Electronic Medicines Compendium den Begriff nicht.
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