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Ist PSSD real? Was die Packungsbeilagen sagen

Kein Diagnosehandbuch nennt PSSD. Doch britische und EU-Packungsbeilagen warnen seit 2019: Sexuelle Probleme durch SSRI können nach dem Absetzen anhalten.

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Von Morten SkovVeröffentlicht
Ist PSSD real? Was die Packungsbeilagen sagen

PSSD steht in keinem der Diagnosehandbücher, mit denen Ärztinnen und Ärzte arbeiten, zumindest noch nicht. Doch seit 2019 warnen Packungsbeilagen im Vereinigten Königreich und in der EU, dass sexuelle Nebenwirkungen von SSRI-Antidepressiva nach dem Absetzen anhalten können. Und die Arzneimittelbehörden haben einen Namen dafür: sexuelle Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme.

Hat man Ihnen gesagt, PSSD gebe es gar nicht, können Sie diesen Warnhinweis vorzeigen. Im Vereinigten Königreich steht er in der Packungsbeilage jedes SSRI, etwa von Sertralin oder Citalopram. So lässt er sich leicht in die Hausarztpraxis mitnehmen.

Das Wichtigste in drei Punkten

  1. PSSD steht weder im DSM noch in der ICD, den beiden wichtigsten Diagnosehandbüchern, wie PolitiFact (auf Englisch) 2026 feststellte.
  2. Seit 2019 warnen Packungsbeilagen im Vereinigten Königreich und in der EU: Sexuelle Nebenwirkungen von SSRI haben nach dem Absetzen manchmal angehalten (EMA, auf Englisch).
  3. Seit 2021 steht der Name in MedDRA, dem Wörterbuch der Arzneimittelbehörden (britische Regierung, auf Englisch).

Presse: contact@sidefxhub.com

Rosie nahm 2020 einige Monate lang Escitalopram, in ihrem Fall unter dem Markennamen Lexapro. 2024 war sie Präsidentin des PSSD Network, einer Patientenorganisation. Damals erzählte sie dem YouTube-Kanal von Moral Medicine, sie habe sich nie davon erholt.

Rosie, damals Präsidentin des PSSD Network, in einem Interview von Moral Medicine, veröffentlicht im Juli 2024 (33 Minuten, auf Englisch). Wenn es Ihnen psychisch schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Im Interview erzählt sie, wie mühsam es war, bis Ärztinnen und Ärzte ihre Beschwerden anerkannten. In einem Text für das PSSD Network schrieb sie, sie fühle sich „wie hinter Glas gefangen“.

Was steht in der Packungsbeilage zu PSSD?

Dort steht, dass die sexuellen Nebenwirkungen nach dem Absetzen manchmal angehalten haben. Cipralex ist ein Markenname von Escitalopram, dem Mittel, das Rosie als Lexapro nahm. In der britischen Packungsbeilage zu Cipralex (auf Englisch) steht es in einem einzigen Satz: „In bestimmten Fällen blieben diese Symptome nach Beendigung der Behandlung bestehen.“

Dieser Satz geht auf die EU zurück. 2019 forderte die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) für jedes SSRI und SNRI einen Warnhinweis (auf Englisch). Das Vereinigte Königreich übernahm die Änderung für jedes SSRI.

Auch der britische Gesundheitsdienst NHS sagt das. Auf seiner Seite zu den Nebenwirkungen von Antidepressiva (auf Englisch) heißt es zu sexuellen Problemen: „Bei manchen Menschen können diese Probleme nach dem Absetzen von Antidepressiva anhalten.“ Den Namen PSSD nennen weder die NHS-Seite noch die Packungsbeilage.

Ist PSSD als Diagnose anerkannt?

Noch nicht. PolitiFact, eine US-amerikanische Faktencheck-Website, hat das im Juli 2026 untersucht (auf Englisch). Das Ergebnis: PSSD steht weder im DSM, dem amerikanischen Handbuch der Psychiatrie, noch in der ICD, dem Krankheitsverzeichnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Das DSM kommt dem nahe. In seiner Ausgabe von 2013 heißt es, in manchen Fällen könnten sexuelle Probleme, die SSRI ausgelöst haben, „nach dem Absetzen des Wirkstoffs fortbestehen“. Einen Namen gibt das DSM ihnen aber nicht.

Zwei Kodiersysteme haben dagegen einen Eintrag dafür. Seit 2021 führt MedDRA, das Wörterbuch, mit dem Arzneimittelbehörden Meldungen über Nebenwirkungen ordnen, den Begriff Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction). Für die Patientenakten des NHS gibt es seit Oktober 2024 einen eigenen Code für anhaltende sexuelle Probleme nach dem Absetzen eines SSRI.

2025 fragte ein Mitglied des britischen Oberhauses die Regierung, ob sie PSSD als Erkrankung anerkennen wolle. Die Antwort (auf Englisch) nannte den Warnhinweis in der Packungsbeilage und beide Codes. Außerdem hieß es darin, PSSD klinisch anzuerkennen, sei nicht Aufgabe der britischen Arzneimittelbehörde MHRA.

PSSD in offiziellen Texten

2013
Ein Satz im DSMSexuelle Probleme durch SSRI können nach dem Absetzen „fortbestehen“. Noch ohne Namen.
2019
Ein Warnhinweis in der PackungsbeilageDie EU fordert ihn für jedes SSRI und SNRI.
2021
Ein Begriff für Meldungen über NebenwirkungenSexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction) wird in MedDRA aufgenommen.
2024
Ein Code für NHS-AktenIm Oktober hinzugekommen.
2026
Noch immer keine eigene DiagnoseWeder im DSM noch in der ICD.
Quellen: DSM-5, zitiert nach Healy et al. (2018); Europäische Arzneimittel-Agentur (2019); britische Regierung (2025); PolitiFact (2026).

Warum sagen manche, PSSD gebe es nicht?

Vor allem, weil es wenig Forschung gibt. Laut PolitiFact stammen die meisten Belege aus Fallberichten, die schildern, was einzelnen Patientinnen und Patienten passiert ist. Über die Ursache ist wenig bekannt.

Forschende in Italien und im Vereinigten Königreich suchten 2023 für eine Übersichtsarbeit (auf Englisch) nach allen Studien, die sie finden konnten. Sie konnten weder klären, wie oft PSSD vorkommt, noch belegen, dass die Medikamente PSSD auslösen. Ausschließen konnten sie aber auch nicht, dass die Probleme nach dem Absetzen anhalten.

„Die vorhandene Literatur ist überschaubar und von unterschiedlicher Qualität“, sagte der US-Psychiater Jonathan Alpert zu PolitiFact.

Die Ärztinnen, Ärzte und Forschenden, die 2022 Kriterien für die Diagnose von PSSD (auf Englisch) aufgestellt haben, sehen noch eine andere Lücke. Erkrankungen wie PSSD seien „wenig bekannt und von Fachleuten im Gesundheitswesen kaum verstanden“, schreiben sie. Unser Artikel darüber, wie PSSD diagnostiziert wird, erklärt die Kriterien.

Joanna Moncrieff, Professorin für Psychiatrie am University College London (UCL), spricht über PSSD und sagt, Ärztinnen und Ärzte wüssten womöglich nichts davon. Veröffentlicht vom PSSD Network, Juni 2026, 90 Sekunden (auf Englisch).

Was kann ich tun?

Diese Medikamente helfen vielen Menschen. Wenn Sie Nebenwirkungen haben, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wie es weitergeht. Setzen Sie das Mittel nicht abrupt ab.

Wenn Sie glauben, PSSD zu haben, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt und nennen Sie die genauen Zeiträume: „Escitalopram 10 mg ab Januar 2023, letzte Tablette im März 2024.“ Sie können darum bitten, dass PSSD in Ihrer Akte vermerkt wird. Im britischen NHS gibt es dafür einen eigenen Code.

Viele sagen, es habe gedauert, bis sie ernst genommen wurden. Nehmen Sie den Satz aus der Packungsbeilage mit. Sie können es auch melden, ohne dass eine Ärztin oder ein Arzt zustimmt.

Melden Sie es: Das hilft allen

Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt notiert, hilft Ihnen. Eine Meldung an die Arzneimittelbehörde hilft allen anderen: So fallen Muster auf.

  • Kein Beweis nötig. Ein Verdacht genügt, auch Jahre nach dem Absetzen.
  • Wo: in Deutschland beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), im Vereinigten Königreich über das Yellow-Card-System, in den USA über MedWatch.
  • Die richtigen Worte. Wenn die Beschwerden nach dem Absetzen angehalten haben, schreiben Sie Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction, MedDRA 10086208).

Unsere Anleitung zum Melden zeigt Ihnen, wie es geht

So funktioniert das britische Yellow-Card-System: ein Video von NHS Black Country zur Medicine Safety Week, November 2021 (auf Englisch).

Was wird sonst noch oft gefragt?

Kann PSSD dauerhaft sein? Bei manchen Menschen hat es nach dem Absetzen Jahre angehalten. Noch weiß niemand, wen es trifft und ob es nachlässt. Als Rosie 2024 darüber sprach, hielten ihre Beschwerden schon etwa vier Jahre an. Die Kriterien von 2022 setzen keine Obergrenze dafür, wie lange PSSD anhalten kann.

Ist PSSD in den USA anerkannt? Teilweise. In der FDA-Fachinformation zu Prozac (auf Englisch) steht seit 2011, dass sexuelle Symptome „nach dem Absetzen gelegentlich fortbestehen“. Einen Warnhinweis für jedes SSRI und SNRI hat die US-Arzneimittelbehörde FDA nicht verlangt. Einzelheiten stehen in unserem Artikel darüber, was Arzneimittelbehörden über PSSD sagen.

Ist das nicht einfach die Depression? Eine Depression an sich hängt mit sexuellen Problemen zusammen, so eine Übersichtsarbeit von 2012 (auf Englisch). Die Kriterien von 2022 berücksichtigen das: Sie fragen, wie das Sexualleben vor dem Medikament war, und schließen andere Ursachen aus. Ihr wichtigstes Zeichen ist ein verändertes Empfinden im Genitalbereich, etwa ein Taubheitsgefühl, das nach dem Absetzen bleibt.

Für Rosie war es ein Kampf, bis Ärztinnen und Ärzte ihre Beschwerden anerkannten. Sie können mit zwei Zeilen anfangen: mit dem Warnhinweis aus der Packungsbeilage für den Termin in der Hausarztpraxis und mit dem MedDRA-Begriff für Ihre Meldung.

Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.

Quellen

  1. PolitiFact. Abels G. What we know about sexual function after antidepressants (auf Englisch), 31. Juli 2026. Ein erklärender Artikel, kein bewerteter Faktencheck. PSSD steht weder im DSM, dem Handbuch der American Psychiatric Association, noch in der ICD der WHO. Zitiert wird Dr. Jonathan Alpert, Psychiater und Professor am Albert Einstein College of Medicine in New York.
  2. Lundbeck Limited. Cipralex (Escitalopram), Packungsbeilage (auf Englisch), Vereinigtes Königreich, Electronic Medicines Compendium (EMC 7718), zuletzt überarbeitet im Mai 2025. Abschnitt 2, „Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen“. Zitiert im amtlichen deutschen Wortlaut desselben EU-Warnhinweises.
  3. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), PRAC. Recommendations on signals adopted at the 13-16 May 2019 PRAC meeting (auf Englisch), angenommen am 16. Mai 2019 (EPITT 19277). SSRI: Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin. SNRI: Duloxetin, Venlafaxin, Desvenlafaxin, Milnacipran. Geprüfte Belege: EudraVigilance, die Fachliteratur, soziale Medien und die kumulativen Übersichten der Unternehmen.
  4. NHS. Side effects of antidepressants (auf Englisch), zuletzt geprüft am 12. Juni 2025.
  5. Britisches Parlament. Schriftliche Anfrage HL7363 (auf Englisch), gestellt von Lord Alton of Liverpool am 12. Mai 2025, für das britische Gesundheitsministerium (Department of Health and Social Care) beantwortet von Baroness Merron am 16. Mai 2025. Die Produktinformationen aller SSRI wurden 2019 aktualisiert; der Begriff kam 2021 in „das regulatorische Wörterbuch“; im Oktober 2024 kam ein SNOMED-Code für anhaltende sexuelle Funktionsstörungen nach dem Absetzen eines SSRI hinzu; die klinische Anerkennung liege „außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der MHRA“.
  6. MedDRA-Begriff der untersten Ebene (Lowest Level Term) Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (englisch: Post-SSRI sexual dysfunction), Code 10086208, unter dem bevorzugten Begriff (Preferred Term) Sexual dysfunction (MedDRA-Version 28.0).
  7. American Psychiatric Association. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, fifth edition (DSM-5), 2013, substanz- oder medikamenteninduzierte sexuelle Funktionsstörung: „In manchen Fällen kann eine durch Serotonin-Wiederaufnahmehemmer ausgelöste sexuelle Funktionsstörung nach dem Absetzen des Wirkstoffs fortbestehen.“ Zitiert nach Healy D, Le Noury J, Mangin D. Enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, 5α-reductase inhibitors and isotretinoin: 300 cases (auf Englisch). Int J Risk Saf Med 2018;29(3-4):125-34, und nach PolitiFact (Quelle 1).
  8. Tarchi L, Merola GP, Baccaredda-Boy O et al. Selective serotonin reuptake inhibitors, post-treatment sexual dysfunction and persistent genital arousal disorder: a systematic review (auf Englisch). Pharmacoepidemiol Drug Saf 2023;32(10):1053-67. Universitäten Florenz und Southampton. Zwei retrospektive Interventionsstudien, sechs Beobachtungsstudien und 11 Fallberichte; keine verlässliche Schätzung der Prävalenz; Ursache und Wirkung „ließen sich nicht feststellen“; ein Fortbestehen „ließ sich nicht völlig ausschließen“.
  9. Healy D, Bahrick A, Bak M et al. Diagnostic criteria for enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, finasteride and isotretinoin (auf Englisch). Int J Risk Saf Med 2022;33(1):65-76. Die Kriterien setzen keine Obergrenze dafür, wie lange diese Erkrankungen anhalten können.
  10. Prozac (Fluoxetin), FDA-Fachinformation (auf Englisch), DailyMed, US National Library of Medicine: „Symptome einer sexuellen Funktionsstörung bestehen nach dem Absetzen der Behandlung mit Fluoxetin gelegentlich fort.“ Die FDA genehmigte den Satz mit einem Genehmigungsschreiben zur Änderung (auf Englisch) vom 15. Juni 2011.
  11. Atlantis E, Sullivan T. Bidirectional association between depression and sexual dysfunction: a systematic review and meta-analysis (auf Englisch). J Sex Med 2012;9(6):1497-507.
  12. Moral Medicine. Interview with PSSD Network President Rosie (auf Englisch), YouTube, 9. Juli 2024. Rosie nahm Escitalopram von August bis Dezember 2020; im Interview sagt sie, sie habe sich nie davon erholt. Rosies eigener Bericht: PSSD Network, patient spotlight: Rosie (auf Englisch). Unsere Seite zum Interview: Interview mit Rosie, Präsidentin des PSSD Network.
  13. PSSD Network. Professor Joanna Moncrieff discusses Post-SSRI Sexual Dysfunction (auf Englisch), YouTube, Juni 2026.
  14. NHS Black Country Integrated Care Board. What is the Yellow Card Scheme? (auf Englisch), Medicine Safety Week, YouTube, 4. November 2021.

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