Können Antidepressiva die Liebe dämpfen?
Dämpfen SSRI romantische Liebe? Die Studien widersprechen sich. Manche sagen, die Gefühle blieben nach dem Absetzen verloren, als Teil von PSSD.
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Seit etwa 20 Jahren fragen Forschende, ob SSRI-Antidepressiva romantische Liebe dämpfen können, und die wenigen Studien widersprechen sich. Manche Menschen sagen, ihre Gefühle für die Partnerin oder den Partner oder ihre Fähigkeit, sich zu verlieben, seien nach dem Absetzen gedämpft geblieben, neben anderen Symptomen einer sexuellen Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (PSSD).
Wenn die Gefühle für einen geliebten Menschen schwinden, liegt es nahe, die Schuld bei der Beziehung zu suchen. Spielt das Medikament eine Rolle, ist es gut, das zu wissen, bevor man eine Beziehung beendet.
Das Wichtigste in drei Punkten
- 2007 stellten zwei US-Forschende eine Hypothese auf: Antidepressiva, die den Serotoninspiegel erhöhen, könnten romantische Liebe schwächen (Buchkapitel, auf Englisch).
- Zwei Studien kamen seither zu gegensätzlichen Ergebnissen, und die größere befragte nur Verliebte (Umfrage von 2025, auf Englisch).
- Die Kriterien für PSSD von 2022 zählen emotionale Taubheit zu den Symptomen, die nach dem Absetzen anhalten können. Eine Studie dazu, wie oft sie romantische Gefühle betrifft, haben wir nicht gefunden (PubMed-Suche, Oktober 2026; Kriterien, auf Englisch).
Presse: contact@sidefxhub.com
Vor Prozac, sagt Katie, habe sie „Romantik und andere Gefühle mühelos erlebt“. Mit 21 begann sie damit und nahm das Mittel etwa drei Jahre lang.
Danach merkte sie, dass sie für niemanden mehr schwärmte. „Ich habe als Erwachsene mehrmals versucht, eine Beziehung zu führen“, sagt sie, „aber wegen PSSD funktioniert es nicht.“ Sie lebt seit etwa 14 Jahren damit.
Können Antidepressiva verhindern, dass man sich verliebt fühlt?
Geklärt ist das nicht. Am Anfang stand eine Hypothese. In einem Buchkapitel von 2007 schrieben die Anthropologin Helen Fisher und der Psychiater J. Anderson Thomson, wer diese Medikamente nehme, könne „möglicherweise nicht nur das eigene sexuelle Verlangen gefährden“, sondern auch die romantische Liebe und die Bindung an den Partner oder die Partnerin. Zum ersten Mal stellten sie die Idee 2004 auf einer psychiatrischen Fachtagung vor.
Ihre Überlegung stützte sich auf die Hirnforschung. Verliebtsein hänge mit Dopamin zusammen, dem Botenstoff des Belohnungssystems, schrieben sie. Mehr Serotonin, und genau das bewirken SSRI, könne Dopamin bremsen. Ein Medikament, das die Libido senkt, könne deshalb auch die Liebe leiser werden lassen, so ihre Folgerung.
Sie nannten Beispiele. Eine Studentin, die ein SSRI nahm, sagte: „Ich bin nicht mehr so verliebt in meinen Freund.“ Ihre Dosis war gerade erhöht worden. Ein Mann schrieb an eine Zeitung, seine romantischen Gefühle für seine Frau hätten unter dem Medikament stark nachgelassen.
In den Fällen, in denen das Medikament abgesetzt oder gewechselt wurde, kehrten die Gefühle zurück. Von jemandem, dessen Gefühle nach dem Absetzen gedämpft blieben, ist in dem Kapitel nicht die Rede.
Hat jemand untersucht, ob SSRI die Liebe dämpfen?
Zwei Studien sind der Frage nachgegangen, und sie weisen in verschiedene Richtungen. In einer Studie aus Pisa von 2014 (auf Englisch) wurden 192 Menschen, die seit mindestens sechs Monaten ein SSRI oder ein trizyklisches Antidepressivum nahmen, zu Sexualität, Bindung und Liebe befragt. Nach den Ergebnissen des Forschungsteams wirkten sich SSRI auf die Gefühle von Liebe und Bindung gegenüber dem Partner oder der Partnerin aus, besonders bei Männern.
Eine Umfrage von 2025 (auf Englisch) unter jungen Erwachsenen fand keinen Zusammenhang. Wer ein SSRI nahm, gab eine ähnlich starke Verliebtheit an wie die anderen.
Die Umfrage hat einen Haken. Wie schon der Titel der Studie sagt, waren alle Teilnehmenden zu dem Zeitpunkt verliebt. Menschen, denen das Gefühl abhandengekommen war, gehörten nicht zur Stichprobe.
SSRI und romantische Liebe: der Stand der Forschung
Kann der Verlust romantischer Gefühle nach dem Absetzen anhalten?
In den Beispielen von Fisher und Thomson bekamen Menschen, die das Medikament absetzten oder wechselten, ihre Gefühle zurück. Bei manchen Menschen mit PSSD, etwa bei Katie, hält der Verlust auch Jahre nach dem Absetzen noch an. Noch weiß niemand, wen es trifft und ob es nachlässt.
Die britische Packungsbeilage zu Sertralin (auf Englisch) sagt, sexuelle Probleme seien in manchen Fällen „nach Beendigung der Behandlung bestehen geblieben“. Die Kriterien für PSSD von 2022 (auf Englisch) nennen emotionale Taubheit unter den Symptomen, die damit einhergehen können. Emotionale und genitale Taubheit treten nach ihren Worten häufig zusammen auf.
Nick, dessen Freundin zu ihm gehalten hat, sagt, er könne Gefühle noch im Gesicht zeigen. „Aber ich fühle es nicht“, sagt er. Victoria, die etwa zwei Wochen lang Lexapro und danach Trazodon nahm, zählt „keine romantischen Gefühle, keine Anziehung“ zu ihren heutigen Symptomen.
Was kann ich tun?
Diese Medikamente helfen vielen Menschen. Wenn Sie Nebenwirkungen haben, entscheiden Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wie es weitergeht. Setzen Sie das Mittel nicht abrupt ab.
Wenn Ihre Gefühle für Ihre Partnerin oder Ihren Partner nachgelassen haben, seit Sie ein Medikament nehmen, oder seit dem Absetzen nicht zurückgekehrt sind, sprechen Sie es beim nächsten Termin an. Sagen Sie es mit eigenen Worten, etwa: „Ich liebe sie, aber ich kann es nicht fühlen.“ Nennen Sie die Zeitpunkte: „Sertralin 50 mg ab Januar 2023, letzte Tablette im März 2024.“
Wenn Sie in einer Beziehung leben, kann es helfen, Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner zu sagen, was sich verändert hat. Das kann verhindern, dass die Veränderung als Urteil über den anderen Menschen verstanden wird.
Nebenwirkungen melden: Das hilft allen
Was Ihre Ärztin oder Ihr Arzt festhält, hilft Ihnen. Eine Meldung an die Arzneimittelbehörde hilft allen anderen: So fallen Muster auf.
- Kein Beweis nötig. Ein Verdacht genügt, auch Jahre nach dem Absetzen.
- Wo: in Deutschland beim BfArM, im Vereinigten Königreich über das Yellow-Card-System (auf Englisch), in den USA über MedWatch (auf Englisch).
- Die richtigen Worte. Wenn die Beschwerden nach dem Absetzen angehalten haben, schreiben Sie Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI (Post-SSRI sexual dysfunction, MedDRA 10086208).
Was wird sonst noch oft gefragt?
Wirken sich SSRI immer auf die Liebe aus? Nein. In der Umfrage von 2025 gaben verliebte junge Erwachsene, die ein SSRI nahmen, eine ähnlich starke Verliebtheit an wie die anderen. Fisher und Thomson schrieben außerdem, dass diese Medikamente bei Problemen helfen können, die Beziehungen belasten.
Könnte es an der Depression liegen? Das kann sein. Eine Depression kann einer Beziehung die Wärme nehmen, und die sogenannte emotionale Abstumpfung, bei der sich unter den Tabletten alles gedämpft anfühlt, ist eine bekannte Nebenwirkung. Ein Hinweis ist der Zeitpunkt: Katie sagt, selbst in ihrer schlimmsten Zeit vor Prozac habe sie „noch Gefühle gehabt“. Mehr dazu: PSSD oder Depression?
Ist es nur eine geringe Libido? Nicht immer. Sexuelles Verlangen, sich verlieben und sich einem langjährigen Partner oder einer langjährigen Partnerin verbunden fühlen sind verschiedene Dinge, auch wenn sie sich überschneiden. Katie beschreibt, dass ihr mehreres davon zugleich verloren ging. Unser Artikel über fehlende Libido nach dem Absetzen von Antidepressiva behandelt die sexuelle Seite.
Katie sagt, sie wisse noch, wie es sich anfühlt, sexuelle Gefühle zu haben, aber sie komme nicht mehr an sie heran. Lesen Sie ihre Geschichte und was über PSSD bekannt ist.
Alle Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.
Quellen
- Fisher HE, Thomson JA Jr. Lust, romance, attachment: do the side effects of serotonin-enhancing antidepressants jeopardize romantic love, marriage, and fertility? (auf Englisch). Kapitel 10 in: Platek SM, Keenan JP, Shackelford TK (Hrsg.). Evolutionary Cognitive Neuroscience. Cambridge, MA: MIT Press, 2007: 245-283. Zum ersten Mal stellten die Autoren die Idee im Mai 2004 auf der Jahrestagung der American Psychiatric Association vor. Zu den Fallberichten (S. 257, 258, 267-268) gehört ein Leserbrief an die New York Times (Frankel, 2004). Das Kapitel merkt auch an, dass diese Medikamente unter bestimmten Umständen die Bindung stärken könnten (S. 262).
- Marazziti D, Akiskal HS, Udo M et al. Dimorphic changes of some features of loving relationships during long-term use of antidepressants in depressed outpatients (auf Englisch). Journal of Affective Disorders, 2014; 166: 151-155. 192 ambulant behandelte Menschen mit leichter oder mittelschwerer Depression, seit mindestens sechs Monaten mit einem einzigen Antidepressivum (einem SSRI oder einem trizyklischen Antidepressivum) behandelt und in einer Beziehung; Fragebogen „Sex, Attachment, Love“.
- Bode A, Kowal M, Cannas Aghedu F, Kavanagh PS. SSRI use is not associated with the intensity of romantic love, obsessive thinking about a loved one, commitment, or sexual frequency in a sample of young adults experiencing romantic love (auf Englisch). Journal of Affective Disorders, 2025; 375: 472-477. 810 junge Erwachsene aus dem Romantic Love Survey 2022, alle zum Zeitpunkt der Befragung verliebt. Hier nur nach Titel und Zusammenfassung wiedergegeben; den vollständigen Text konnten wir nicht öffnen.
- Healy D, Bahrick A, Bak M et al. Diagnostic criteria for enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, finasteride and isotretinoin (auf Englisch). International Journal of Risk & Safety in Medicine, 2022; 33(1): 65-76. Emotionale Taubheit wird als begleitendes nicht sexuelles Symptom aufgeführt.
- Lustral (Sertralin), Packungsbeilage (auf Englisch), Electronic Medicines Compendium, zuletzt überarbeitet im Dezember 2025. Abschnitt 2, „Sexual problems“.
- MedDRA-Begriff Post-SSRI sexual dysfunction (auf Deutsch: Sexuelle Funktionsstoerung nach SSRI), Code 10086208.
- Interviews von Moral Medicine auf YouTube: Katie (auf Englisch, Mai 2026) und Nick (auf Englisch, 30. Mai 2023). Victorias Worte stammen aus ihrem Interview mit Moral Medicine und stehen auf der Seite mit ihrer Geschichte.
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