Die übersehene Bedeutung von DHT und 5-Alpha-Reduktase
Wofür der Körper DHT und die 5-Alpha-Reduktase-Enzyme braucht und welche Risiken entstehen, wenn ein 5-Alpha-Reduktase-Hemmer sie blockiert.

Die übersehene Bedeutung von DHT und 5-Alpha-Reduktase: warum ihre Blockade schaden kann
Sobald es um Haarausfall geht, gilt Dihydrotestosteron (DHT) oft als der Schuldige. Pharmaunternehmen bewerben Wirkstoffe wie Finasterid, die die DHT-Bildung hemmen, als „sichere“ Lösung. Welche zentralen Aufgaben DHT und das Enzym 5-Alpha-Reduktase im Körper erfüllen, sprechen sie dabei selten an. Diese Aufgaben reichen weit über die Haarwurzel hinaus: bis in die körperliche Gesundheit, das psychische Wohlbefinden und sogar die geistige Leistungsfähigkeit.
DHT ist ein wichtiges Hormon, und die 5-Alpha-Reduktase ist an einer ganzen Reihe zentraler Körperfunktionen beteiligt. Werden sie blockiert oder gestört, kann das ungewollte, lang anhaltende Folgen haben - psychisch wie körperlich.
Was 5-Alpha-Reduktase und DHT im Körper tun
DHT ist ein starkes Androgen. Es entsteht aus Testosteron, und zwar mithilfe des Enzyms 5-Alpha-Reduktase. Ein hoher DHT-Spiegel kann die Haarwurzeln tatsächlich schrumpfen lassen, vor allem bei genetischer Veranlagung zu Haarausfall. Daneben erfüllt DHT aber zahlreiche wichtige Aufgaben. Auch die 5-Alpha-Reduktase kommt in mehreren Formen vor. In verschiedenen Organen und Geweben leistet sie weit mehr, als Testosteron umzuwandeln.
Aufgaben von DHT und 5-Alpha-Reduktase im Körper
- Männliche sexuelle Entwicklung und Gesundheit: DHT steuert die männliche sexuelle Entwicklung, vor allem die Ausbildung der Genitalien im Mutterleib. Bei Erwachsenen trägt es zu sexueller Gesundheit und Libido bei. Bei manchen kann eine DHT-Blockade dieses Gleichgewicht stören. Möglich sind dann anhaltende sexuelle Funktionsstörungen wie vermindertes sexuelles Verlangen und Erektionsstörungen. Sie können auch nach dem Absetzen bestehen bleiben.
- Gehirn und Stimmung: Über die Aktivität der 5-Alpha-Reduktase wirken DHT und seine Abbauprodukte mit Botenstoffen wie GABA zusammen. GABA beruhigt das Nervensystem und dämpft Angst. Das Enzym wandelt außerdem andere Hormone in Neurosteroide um, etwa in Allopregnanolon. Diese wirken direkt auf das Gehirn. So halten sie Angst, Depression und Stressreaktionen in Schach und stützen das psychische Wohlbefinden. Wird die 5-Alpha-Reduktase gehemmt, kann das diese Signalwege stören. Betroffene können dann anfälliger werden für Stimmungsstörungen, kognitiven Abbau und sogar für depressive und Angstsymptome. Das ist einer der Gründe, warum viele Menschen, die Finasterid nehmen, von psychischen Nebenwirkungen berichten.
- Körperkraft und Muskeln: DHT unterstützt Muskelaufbau, Kraft und Ausdauer und hilft, Muskeltonus und Knochendichte zu erhalten - wichtig für Leistungsfähigkeit und Kraft. Sinkt der DHT-Spiegel, vor allem über längere Zeit, kann das zu Muskelschwäche, Erschöpfung und nachlassender Leistungsfähigkeit führen. Viele Menschen mit Post-Finasterid-Syndrom (PFS) schildern genau diese Beschwerden.
- Stoffwechsel und Haut: Die 5-Alpha-Reduktase steuert nicht nur die DHT-Bildung, sondern greift auch in weitere Stoffwechselwege ein. DHT fördert die Talgproduktion, die die Haut feucht und ihre Barriere intakt hält. Prozesse, die über das Enzym laufen, beeinflussen zudem den Fettstoffwechsel und können den Cholesterinspiegel im Gleichgewicht halten. Werden Enzym und DHT langfristig gedrosselt, kann der Stoffwechsel aus dem Tritt geraten - möglicherweise mit Folgen für Cholesterin, Blutzucker und Haut. Viele Patientinnen und Patienten berichten nach der DHT-Hemmung von trockener, dünner werdender Haut.
- Umwandlung anderer Hormone: Die 5-Alpha-Reduktase ist am Stoffwechsel mehrerer Hormone beteiligt, nicht nur an dem von Testosteron. Sie wandelt zum Beispiel Progesteron in Allopregnanolon um. Dieses Neurosteroid wirkt positiv auf die GABA-Rezeptoren und ist wichtig, um Stress zu regulieren und Angst zu dämpfen. Wird das Enzym gehemmt, entsteht auch weniger Allopregnanolon. Seine beruhigende Wirkung fällt dann schwächer aus. Das kann zu den psychischen Beschwerden beitragen, die manche Patientinnen und Patienten unter 5-Alpha-Reduktase-Hemmern (5ARI) erleben.
Wie Pharmaunternehmen DHT und 5ARI verzerrt darstellen
Pharmaunternehmen wollen 5ARI wie Finasterid als schnelle Lösung verkaufen. Deshalb rücken sie meist nur die „Schattenseiten“ von DHT ins Bild, allen voran seine Rolle beim erblich bedingten Haarausfall. Dieser Blick ist eng und unvollständig. Weil sich die Unternehmen auf den Haarausfall konzentrieren, übergehen sie die wesentlichen Aufgaben von DHT weitgehend. Und sie klären Patientinnen und Patienten nicht darüber auf, was es nach sich ziehen kann, DHT langfristig zu unterdrücken.
Wer ein Medikament erwägt, das DHT blockiert, sollte wissen, wofür der Körper DHT braucht. Dazu gehört auch, wie eng die 5-Alpha-Reduktase in komplexe biochemische Abläufe eingebunden ist. Diese Mittel wirken eben nicht nur auf den Haarausfall. Sie greifen in ein ganzes Netz körperlicher Vorgänge ein. Die Folgen können weit reichen und sich schwer oder gar nicht rückgängig machen lassen.
Warum es auf eine informierte Entscheidung ankommt
Finasterid und andere 5ARI sind heute gängige Behandlungen bei Haarausfall und Prostatabeschwerden. Doch DHT und die 5-Alpha-Reduktase leisten so viel, dass die Entscheidung gut informiert fallen sollte - von Ihnen gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. DHT zu blockieren ist ein erheblicher Eingriff in den Hormonhaushalt. Er kann alles berühren, von der psychischen Gesundheit bis zur körperlichen Kraft.
Mehr über die Aufgaben von DHT und die möglichen Nebenwirkungen seiner Hemmung finden Sie auf FinasterideInfo.org (auf Englisch). Die Seite sammelt Forschung und Literatur zur Geschichte von Finasterid und zum Post-Finasterid-Syndrom.
Zum Weiterlesen
Weitere Artikel dazu, wie komplex DHT wirkt und was 5ARI auslösen können:
- Die Schattenseite der 5-Alpha-Reduktase-Hemmer
- Ist Finasterid sicher? Risiken und Nutzen verstehen
- Der übersehene Zusammenhang zwischen Finasterid (Propecia) und Angststörungen
- Finasterid (Propecia) und Depression
- Was ist Propecia? Anwendung, Nutzen und Risiken verstehen
Dort erfahren Sie mehr darüber, wie vielschichtig DHT wirkt und was es bedeutet, seine Bildung zu hemmen.
Was hier steht, ersetzt keine ärztliche Beratung. Besprechen Sie Entscheidungen über Ihre Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
570+ Betroffene haben sich ins Register eingetragen.
Tragen Sie sich ein und melden Sie Ihre Nebenwirkungen.
- Machen Sie Ihre Erkrankung sichtbar
- Erfahren Sie als Erste von Studien, an denen Sie teilnehmen können
- Melden Sie danach Ihre Nebenwirkungen Ihrer Arzneimittelbehörde