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Antidepressiva mit weniger sexuellen Nebenwirkungen?

Ranglisten der Antidepressiva mit weniger sexuellen Nebenwirkungen zählen Probleme während der Einnahme. Was nach dem Absetzen geschieht, erfasst keine.

Von Morten SkovVeröffentlicht Aktualisiert
Antidepressiva mit weniger sexuellen Nebenwirkungen?

Wer nach dem Antidepressivum mit den wenigsten sexuellen Nebenwirkungen sucht, findet Listen mit Bupropion, Mirtazapin und Agomelatin. Der Grund: Einige Studien (auf Englisch) zählten unter diesen Mitteln während der Behandlung weniger sexuelle Probleme als unter SSRI wie Sertralin und Citalopram. Doch keine dieser Studien hat Menschen nach dem Absetzen weiter begleitet, und keine Liste kann Ihnen sagen, welches Medikament für Sie das richtige ist.

Die Listen beantworten also eine kleinere Frage, als es scheint. Welches Medikament für Ihr Sexualleben sicher ist, können sie nicht sagen, und wir tun nicht so, als könnten sie es. Als gemeinnützige Organisation empfehlen wir nie ein Medikament und ziehen auch keines einem anderen vor. Wir können Ihnen aber zeigen, wie diese Zahlen entstehen und was sie auslassen.

Woher die Listen mit „weniger Nebenwirkungen“ stammen

Die meisten gehen auf eine Handvoll Studien zurück. Es ist nur fair, ihre Ergebnisse zu nennen.

Eine Metaanalyse von 2009 (auf Englisch) fasste Studien zusammen, die direkt nach Sex fragten. Zehn Antidepressiva gingen darin mit signifikant mehr sexuellen Funktionsstörungen einher als ein Placebo (ein Scheinmedikament). Darunter waren Sertralin, Citalopram, Paroxetin und Venlafaxin, mit Raten von 25,8 % bis 80,3 %. Bei Bupropion, Mirtazapin, Agomelatin und Moclobemid zeigte sich kein signifikanter Unterschied zu Placebo. Eine US-Befragung von 6.297 Menschen (auf Englisch) ergab sexuelle Funktionsstörungen bei 22 % derjenigen, die eine Form von Bupropion nahmen. Bei SSRI, Mirtazapin und Venlafaxin waren es 36 % bis 43 %.

Das sind die Belege hinter den Listen. Zwei Tatsachen dazu stehen selten daneben. Eine Übersichtsarbeit von 2014 über 63 Studien (auf Englisch) bewertete die Aussagekraft ihrer Belege insgesamt als gering. Sie wies auch darauf hin, dass sexuelle Probleme bei einer Depression selbst häufig sind. Und in Großbritannien ist Bupropion gar nicht als Antidepressivum zugelassen (auf Englisch): Seine britische Zulassung, als Zyban (auf Englisch), gilt der Rauchentwöhnung. In Deutschland ist Bupropion dagegen als Antidepressivum zugelassen, unter dem Namen Elontril.

Im Vereinigten Königreich wird meist zuerst ein SSRI angeboten (auf Englisch). Antidepressiva helfen vielen Menschen, und manche sind auf sie angewiesen. Nichts auf dieser Seite ist ein Grund, eines abzusetzen.

Dasselbe Medikament, eine andere Zahl

Eine Nebenwirkungsrate ist keine feste Eigenschaft eines Medikaments. Sie hängt davon ab, wer untersucht wurde, wie lange, und vor allem, ob überhaupt jemand gefragt hat.

Das deutlichste Beispiel steht in der FDA-Fachinformation zu Vortioxetin (auf Englisch), einem der neueren Antidepressiva. In den 6- bis 8-wöchigen Studien sprachen 5 % der Männer unter der höchsten Dosis von sich aus eine sexuelle Nebenwirkung an. Als Studien derselben Art einen Fragebogen zur Sexualität einsetzten, entwickelten 29 % der Männer mit zuvor normaler sexueller Funktion ein Problem.

Vortioxetin 20 mg bei Männern: Wie das Nachfragen die Antwort verändert

Von sich aus angesprochen: Placebo2 %
Von sich aus angesprochen: Vortioxetin5 %
Fragebogen: Placebo14 %
Fragebogen: Vortioxetin29 %
Männer in kurzen Studien, nur während der Behandlung. „Von sich aus angesprochen“ zählt Nebenwirkungen, die Teilnehmende meldeten, ohne gefragt zu werden. Die Fragebogen-Zeilen zählen neue sexuelle Funktionsstörungen bei Männern, deren sexuelle Funktion zu Beginn normal war. FDA-Fachinformation zu Trintellix (Vortioxetin).

Dasselbe Muster zieht sich durch die älteren Studien. Eine spanische Studie mit 1.022 ambulanten Patientinnen und Patienten (auf Englisch) fragte alle direkt. Unter einem SSRI oder Venlafaxin entwickelten 58 % bis 73 % ein sexuelles Problem. In der US-Befragung unterschätzten Ärztinnen und Ärzte durchweg, wie häufig sexuelle Funktionsstörungen waren.

Die niedrigen Werte sind zugleich die unsichersten. In der spanischen Studie beruhen die 24,4 % bei Mirtazapin auf 49 Menschen, und hinter den 3,9 % bei Moclobemid steht eine einzige Person von 26. Die Studien sind sich nicht einmal einig: Die US-Befragung ordnete Mirtazapin in denselben Bereich ein wie die SSRI. Die Studien verwendeten unterschiedliche Fragebögen, was die Metaanalyse von 2009 (auf Englisch) selbst als Grenze ihres Vergleichs nennt. Die spanischen Daten stammen aus den Jahren 1995 bis 2000.

Für Agomelatin nennt die britische Fachinformation (auf Englisch) eine zusammengefasste Auswertung mehrerer Studien. Sie ergab keinen Zusammenhang mit sexuellen Funktionsstörungen, und zwar für die Zeit der Einnahme. Und weniger heißt nicht null. Eine Studie von 2024 (auf Englisch) wertete die weltweite Datenbank der WHO für Nebenwirkungsmeldungen aus. Darin hatten Agomelatin, Bupropion und Mirtazapin einen schwächeren Zusammenhang mit sexuellen Problemen als die meisten SSRI und SNRI. Vorhanden war er trotzdem. Eine Meldedatenbank kann nicht sagen, wie oft etwas geschieht.

Was keine Rangliste gemessen hat

Für Menschen mit einer sexuellen Funktionsstörung nach SSRI-Einnahme (PSSD) zählt vor allem eine Frage: was nach der letzten Tablette geschieht. Keine der Studien hinter den Listen war darauf angelegt, sie zu beantworten.

Für SSRI und SNRI haben die Arzneimittelbehörden einen Teil der Frage beantwortet. 2019 nahm die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) für jedes von ihnen einen Warnhinweis auf. Er betrifft lang anhaltende sexuelle Funktionsstörungen (auf Englisch), die nach dem Absetzen fortbestanden. Bei Vortioxetin, das dieselbe Überprüfung ebenfalls betrachtete, kam der Warnhinweis nicht hinzu. Das war eine Bewertung der Datenlage von 2019, keine Feststellung, dass es nicht vorkommen kann. Die vollständige Liste steht in unserem Beitrag PSSD: Welche Antidepressiva den Warnhinweis tragen.

Über die Mittel oben auf den Listen ist weit weniger bekannt, und weniger bekannt heißt nicht sicher.

  • Mirtazapin. Die diagnostischen Kriterien von 2022 (auf Englisch) erwähnen Berichte über anhaltende Beschwerden, die PSSD ähneln. Ob es dieselbe Erkrankung ist, lasse sich mangels Daten nicht sagen.
  • Trazodon. Ein veröffentlichter Fall (auf Englisch) einer anhaltenden genitalen Erregungsstörung bei einer Frau, die das Mittel früher eingenommen hatte. Ein Einzelfall zeigt, dass etwas vorkommen kann, aber nie, wie oft.
  • Bupropion und Agomelatin. Wir haben keine veröffentlichten Fallberichte gefunden.

Keine Fallberichte zu finden ist etwas anderes, als kein Risiko zu finden. Sexuelle Nebenwirkungen werden zu selten gemeldet, auch weil Patientinnen und Patienten wie auch Ärztinnen und Ärzte womöglich ungern darüber sprechen. Darauf weist die Fachinformation zu Vortioxetin selbst hin (auf Englisch). Selbst für SSRI, die am besten untersuchte Gruppe, fand eine systematische Übersichtsarbeit von 2023 (auf Englisch) keine verlässliche Schätzung, wie oft die Probleme anhalten. Veröffentlichte Zahlen gehen weit auseinander. Für alle anderen Medikamente auf dieser Seite haben wir überhaupt keine Zahlen gefunden.

Auch das Patientenregister von SIDEfxHUB kann diese Zahl nicht liefern, denn wer darin steht, hat sich selbst eingetragen. Es kann aber Menschen mit anhaltenden Beschwerden über längere Zeit begleiten, gleich nach welchem Antidepressivum. So zeigt es der Forschung, was die Studien nie untersucht haben.

Was Sie fragen können: vor Beginn oder während der Einnahme

Vor Beginn eines Antidepressivums nach Sexualität zu fragen, ist ganz normal und wird sogar erwartet. In England sieht die NICE-Leitlinie zur Depression (auf Englisch) vor, dass vor dem Verschreiben auch über Nebenwirkungen gesprochen wird, die Sie vermeiden möchten. Als Beispiel nennt sie die sexuelle Funktion. Für die langfristige Einnahme führt sie langfristige Auswirkungen auf die sexuelle Funktion als Risiko auf, das besprochen werden sollte.

Anhaltende sexuelle Nebenwirkungen sind Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt womöglich noch nicht begegnet, obwohl die britischen Fachinformationen zu SSRI wie Sertralin (auf Englisch) sie erwähnen. Diese Fragen helfen, über eine einzelne Prozentzahl hinauszukommen:

  • Wie häufig sind sexuelle Nebenwirkungen bei diesem Medikament, und woher stammt diese Zahl?
  • Wurden die Menschen direkt gefragt oder nur gezählt, wenn sie es selbst ansprachen?
  • Erwähnt die Packungsbeilage sexuelle Probleme, die nach dem Absetzen anhalten?
  • Wenn sich etwas verändert: Wie unterscheiden wir dann zwischen Medikament und Depression?
  • Wenn ich eines Tages absetzen möchte: Wie planen wir das gemeinsam?

Setzen Sie kein Medikament ab und ändern Sie nichts an der Einnahme, nur weil es auf dieser Seite steht.

Plötzliches Absetzen eines Antidepressivums kann Absetzsymptome auslösen, und die behandelte Erkrankung kann zurückkehren. Wenn Sie sich wegen sexueller Nebenwirkungen sorgen, sprechen Sie das bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt an.

Warum kommt das in der Sprechstunde so selten zur Sprache? Ein Psychiater erklärt es in diesem neunminütigen Video von Taper Clinic, einem privaten Anbieter ohne Verbindung zu uns. Wir verlinken die Erklärung, nicht das Unternehmen.

Wenn die Nebenwirkungen nicht verschwunden sind

Sie können das selbst melden, ganz gleich, welches Antidepressivum Sie genommen haben. Arzneimittelbehörden erfassen Meldungen unter einem Code, und für diesen Fall gibt es einen.

MedDRA-Code 10086208
Englischer Fachbegriff: Post-SSRI sexual dysfunction

Verwenden Sie diesen Begriff, wenn Sie ein SSRI oder SNRI eingenommen haben. Haben Sie ein anderes Antidepressivum genommen, nennen Sie das Medikament und geben Sie an, dass die Beschwerden nach dem Absetzen anhielten. Beschreiben Sie in jedem Fall mit eigenen Worten, was sich verändert hat. Unsere Anleitung zum Melden deckt 66 Länder ab.

Eine niedrigere Zahl auf einer Liste ist kein Versprechen, und eine fehlende Zahl ist keine Entwarnung. Die ehrliche Antwort auf die Frage „Welches Antidepressivum hat die wenigsten sexuellen Nebenwirkungen?“ lautet: Den Teil, der anhält, hat niemand verlässlich gemessen. Eine Meldung hält eine einzelne Reaktion zu einem Zeitpunkt fest. Das Patientenregister begleitet einen Menschen über längere Zeit, und genau solche Aufzeichnungen braucht die Forschung zu anhaltenden Nebenwirkungen.

Wenn es Ihnen psychisch schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.

Was hier steht, ersetzt keine ärztliche Beratung. Besprechen Sie Entscheidungen über Ihre Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

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